Kreis Düren: Isabel Elsner ist Queer-Expertin bei den Grünen

Kreis Düren: Isabel Elsner ist Queer-Expertin bei den Grünen

Isabel Elsner (20) setzt sich für queer-feministische Themen ein, ist in der Grünen Jugend aktiv, sitzt im Gemeinderat in Langerwehe und ist Direktkandidatin für den Nordkreis bei der Landtagswahl. Die Studentin hat die Politik für Schwule, Lesben, bi- und transsexuelle schon in der zehnten Klasse für sich entdeckt.

Damals war sie Praktikantin bei der Sprecherin für Frauen-, Queer- und Sportpolitik im Landtag.„Das Thema sagt nicht vielen etwas“, sagt Elsner. Bei den Parteimitgliedern der Grünen gebe es zwar viele Energie- aber nur wenig Queer-Experten. Für Elsner ein guter Grund, sich neben Kommunalpolitik auch auf dieser Ebene zu engagieren. Mit der Grünen Jugend ist sie auf Ereignissen wie dem Christopher Street Day (CSD) oder der Gay Pride vertreten. Im DZ-Interview spricht sie über die Aktualität des Themas. Elsner findet, dass es auch aus Gründen der Zivilcourage erforderlich sei, sich zu positionieren.

Zwei Ihrer Bekannten aus der Grünen Jugend sind in Istanbul bei der Gay Pride, einer Demonstration für Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transsexuelle, von der Polizei kurzzeitig festgenommen worden — so wie auch der Grünen-Politiker Volker Beck. Zeigt das, wie hochaktuell das Thema Queer ist?

Elsner: Das zeigt sich nicht nur an Istanbul, sondern auch an den Ereignissen in Orlando. Auch, weil der Rechtspopulismus auf dem Vormarsch ist. Dadurch sind auch Homo- und Transphobie auf dem Vormarsch, denn Rechte sind gegen das, was vermeintlich nicht normal ist. In Istanbul sind nicht nur Freunde von mir festgenommen worden, sondern auch türkische Aktivisten. Das zeigt nur, wie wichtig es ist zu sagen, dass Liebe keinem wehtut. Die Argumente, die gegen Schwule, Lesben, Transsexuelle oder die Homo-Ehe gebracht werden, sind meiner Meinung nach nicht haltbar. Bei den Ereignissen in der Türkei muss man sich auch fragen, wie vonseiten der EU mit der Türkei umgegangen wird.

Inwieweit ist das Thema auch in Deutschland eine Baustelle?

Elsner: Wenn man sich mal Frauke Petry anschaut, dann eine große. Das Problem ist eine fehlende Aufklärung. Ich habe zum Beispiel in der Schule noch beigebracht bekommen, dass Schwule Aids haben. So entstehen Berührungsängste. Nach wie vor dürfen Homosexuelle in Deutschland kein Blut spenden, die gleichgeschlechtliche Ehe ist nicht anerkannt, Adoption für homosexuelle Paare ist unheimlich schwer. Deutschland ist da sehr CDU-geprägt. Die sagt zwar, sie wolle keine Diskriminierung, aber eine Ehe für alle will sie auch nicht. Auch viele Wähler haben diese Einstellung.

Gibt es eine queere Szene in Düren?

Elsner: Die Szene ist keine halbe Stunde mit dem Zug entfernt in Köln. In Düren gibt es aber einen Stammtisch, der sich alle zwei Wochen trifft.

Ist das Thema gerade in kleineren Städten ein Problem?

Elsner: Als ich mit einem Freund auf dem CSD in Köln war, ist der von einem älteren Mann mal mit Vorwürfen konfrontiert worden. Ich persönlich habe noch nie Hass-Botschaften bekommen, nur weil ich sage, ich setze mich für queer-feministische Themen ein. Aber man merkt schon, dass man in der Diskussion immer mit den gleichen Gegenargumenten konfrontiert wird. Zum Beispiel, dass Homosexualität nur eine Phase sei — da passiert einem auf der Straße, aber auch in der Politik.

Dass Homosexualität nur eine Phase sei, ist in heutiger Zeit ein absurdes Argument?

Elsner: Ja. Aber deshalb ist es so wichtig, dass gerade in Schulen mehr aufgeklärt wird. An der Universität in Köln zum Beispiel gibt es Seminare zum Thema Gender und Queer. Ich denke, dass das auch an vielen anderen Unis der Fall ist. Aber in der Schule ist die Zeit, in der Jugendliche merken, dass sie homo- oder transsexuell sind. Sie merken, dass sie in das Gesellschaftsbild, das dort vermittelt wird, nicht hineinpassen. In Schulbüchern ist ja die klassische Familie — Vater, Mutter, Kind — vertreten. Das ist aber völlig überholt, denn wir leben in einer anderen Realität, einer Multikulti-Gesellschaft, in der es Homo- und Transsexuelle gibt. Jugendlichen muss früh vermittelt werden, dass das normal ist. Da reicht nicht ein Schulpsychologe oder Schulsozialarbeiter. Denn, wenn wir mal ehrlich sind: Welcher Jugendliche geht dorthin, wenn er sich outen will? Schulen müssen in Sachen Queer unbedingt nacharbeiten. Im Kreis gibt es genau eine Schule in Niederzier, die im Bündnis gegen Rechts und Homophobie ist. Aber das ist eine Schule. Schulen sollten sich mehr dahingehend positionieren, dass gleiche Liebe normal ist. Wir sind dann schnell auf landespolitischer Ebene. Es müsste neue Schulmaterialien geben, in denen unsere multikulturelle Gesellschaft abgebildet wird. Das halte ich für ganz wichtig.

Bevor Sie die Arbeit im Rat begonnen haben, haben Sie gesagt, dass Sie auch eine Ansprechpartnerin für die Jugend sein wollen. Mit welchen Sorgen kommen Jugendliche?

Elsner: Im Zuge meiner Direktkandidatur für die Landtagswahl haben mich viele Leute gefragt, ob ich denn neue Wähler anziehe. Und ich muss sagen: Ja. Das soll nicht arrogant klingen, aber ich spreche so, wie ich bin, ich versuche, Politik nicht auf hochakademischer Ebene zu diskutieren. Ich möchte verstanden werden, wenn ich 20-Jährigen Dinge erkläre. Ich denke, dass das auch so funktioniert. Denn ich habe die gleichen Ängste wie jeder andere in meinem Alter. Früher habe ich mich gefragt, wie mich jemand vertreten soll, der vor 40 Jahren mal in meinem Alter war. Deshalb ist es wichtig, dass junge Menschen Politik machen. Und ich versuche immer zu erklären, dass es darum geht, dass man seine Interessen verlauten lassen kann. Klar, man kann sie nicht immer durchsetzen und muss Kompromisse schließen, aber man wird gehört. Das möchte ich jungen Menschen gern mitgeben. Ich bin über Facebook erreichbar, ich werde von meiner Oma gerügt, wenn ich mit dem Smartphone am Tisch sitze, ich habe einfach genau die gleichen Probleme, wie alle anderen jungen Menschen auch. Politik zu erklären und transparenter zu machen, ist meine Aufgabe und auch die eines jeden anderen Politikers. Das ist ein wichtiger Job und das sollten alle Politiker im Herzen tragen.