Inszenierung im Haus der Stadt Düren

Roman von Hans Fallada : Bilder, die unter die Haut gehen

Ein Roman von Hans Fallada wird auf die Bühne im Haus der Stadt gebracht. Inszenierung des Alten Schauspielhauses Stuttgart in Kooperation mit dem Euro-Studio Landgraf.

„Der Führer hat mir meinen Sohn ermordet!“ Diese und andere regimekritische Texte schrieb ein mutiges Ehepaar auf über 200 Postkarten, die es im Berlin der Jahre 1940 bis 1942 verteilte und damit Teil der Widerstandsbewegung wurde. Diese wahre Geschichte verarbeitete Hans Fallada wenig später, 1947, zu einem Roman. Die Bühnenfassung dieses Werkes war nun in einer Inszenierung des Alten Schauspielhauses Stuttgart in Kooperation mit dem Euro-Studio Landgraf im gut besuchten Haus der Stadt zu sehen.

Die Geschichte: Anna und Otto Quangel haben bereits alles verloren, ihr einziger Sohn starb an der Front. Deshalb bewegen sie sich als zwei von Wenigen überwiegend ohne Angst im Berlin der Nazizeit, einer Zeit, in der Recht und Unrecht vollkommen auf den Kopf gestellt werden. Otto ist sich sicher, dass er mit seiner Postkartenkampagne das Richtige tut. Für ihn gibt es keine Alternative. Er stellt sich gegen das Regime, um „ein anständiger Mensch“ zu bleiben.

Hans Fallada verdichtete die quecksilbrige, alptraumartige Atmosphäre von Angst während der Diktatur von Adolf Hitler zu einem Roman mit Sogwirkung. Er schilderte jede seiner Figuren – ob Täter oder Opfer – in einer Komplexität, die das Schwarz-weiß-Schema, das dem Thema bis heute oft übergestülpt wird, verlässt. Das ermöglicht dem Leser eine Innensicht der geschilderten Zeit und Ereignisse. Sowohl Empathie, als auch der Abgleich mit dem eigenen Gewissen werden möglich: „Was hätte ich getan im Berlin dieser Zeit? Wäre ich so mutig gewesen wie Anna und Otto?“

Es ist nicht verwunderlich, dass der Roman den eigentlichen Erfolg erst gut 60 Jahre nach seinem Erscheinen erlebte. Mit dem Abstand nachfolgender Generationen konnten diese Falladas Werk als erschütterndes Porträt einer totalitär geprägten Zeit und der Menschen, die sich darin bewegen, eher ertragen als jene, die sich selbst in diesem Szenario bewegt haben. 2009 wurde das Buch erstmals ins Englische übersetzt und avancierte zum internationalen Bestseller, der 2011 dann auch in Deutschland in ungekürzter Form neu aufgelegt wurde.

In diese Zeit der Wiederentdeckung des Romanes fällt auch Volkmar Kamms Bearbeitung für die Bühne, die jetzt in Düren gezeigt wurde. Kamm findet, auch mit Hilfe seines Ausstatters Konrad Kulke, Bilder wie das des monumentalen, in sich zusammenkrachenden Hakenkreuzes, die unter die Haut gehen. Seine Bühnenfassung ist ein eindrucksvolles Konzentrat aus Falladas Roman. Die ganz große Stärke von Kamms Fassung und der Umsetzung durch ein hervorragendes Ensemble, liegt darin, dass es bis zum Schluss, der die Protagonisten in die Unmenschlichkeit der Arrestzellen führt, leichte, fast heitere Töne gibt, ohne dass Ernsthaftigkeit und Dringlichkeit des Leitmotivs verraten werden.

Die Inszenierung erhielt zahlreiche Preise, darunter eine Auszeichnung für die „Beste Aufführung der Spielzeit 2014/15 am Alten Schauspielhaus“. Hellena Büttner erhielt – unter anderem für ihre Darstellung der Anna Quangel – die Auszeichnung „Schauspielerin des Jahres 2015 am Alten Schauspielhaus Stuttgart“.

Hellena Büttner und Peter Bause, die auch im wahren Leben ein Ehepaar sind, gelingt es, auf der Bühne durch Sprache, Mimik und Gestik zwei Charaktere zu erschaffen, die stimmig und anrührend sind. Minimalistisch sind diese Mittel angelegt, leise. Und gerade das macht die Figuren, die entstehen, so eindringlich. Sie sind die Identifikationsfiguren, von denen sich der Zuschauer gerne durch diesen besonderen Theaterabend tragen lässt.

Aber auch die anderen Schauspieler des außergewöhnlich guten Ensembles beleuchten die dargestellten Charaktere von allen Seiten: Mitläufer, Denunzianten, Empathiefähige und solche ohne Skrupel und Mitgefühl. Und das immer mit der Falladaschen Grundannahme, dass niemand nur gut oder schlecht ist und dass jeder zuletzt für sich entscheiden muss, welche Seite wann die Oberhand gewinnt. Denn zuletzt stirbt eben jeder für sich allein.