Düren: „Inklusive Kirche“: Das Wort Gottes in Gebärdensprache

Düren : „Inklusive Kirche“: Das Wort Gottes in Gebärdensprache

Etwas ist ungewohnt an diesem Vormittag. Der Chor singt zwar, doch in der Kirche ist es mit Ausnahme der Orgel zunächst still. Die Sänger nutzen Arme und Hände, die sich schnell bewegen und Gesten formen. Wer als Hörender zum ersten Mal einen Gehörlosengottesdienst besucht, bekommt eine Ahnung davon,

wie es sein muss, mit einer Hörschädigung in einer Welt zu leben, in der akustische Signale den Ton angeben. Die laute Welt wird plötzlich sehr leise. Ohne Kommunikation ist diese leise Welt aber nicht. Es wird sogar gesungen, in diesem Fall vom Chor „Singende Hände Umkreis Aachen“. Und alle Besucher stimmten mit ein, sei es mit ihren Händen oder ihrer Stimme.

Arbeitskreis betritt Neuland

„Gottesdienst für Alle“ war die Messe in St. Antonius überschrieben. Eingeladen hatte der Arbeitskreis „Inklusive Kirche“ der Gemeinschaft der Gemeinden (GdG) St. Lukas. Neben Pfarrer Hans-Otto von Danwitz stand Diakon Johannes Rothkopf, Gehörlosenseelsorger im Bistum Aachen, am Altar. Es war der dritte „Gottesdienst für Alle“ im Grüngürtel — damit gilt im Rheinland eine Veranstaltungsreihe als Tradition. Aber woher rührt das Motto? Schließlich stehen die Kirchenpforten immer allen Menschen offen.

„Selbstverständlich sind immer alle eingeladen, an Gottesdiensten teilzunehmen. Aber nicht alle sind auch in der Lage, ohne Einschränkung mitzufeiern“, erklärt Blindenseelsorgerin Astrid Sistig. Menschen mit Handicap haben auch in der Kirche andere Bedürfnisse.

In St. Lukas beschäftigt sich der Arbeitskreis mit diesen Fragen: Wie können Gottesdienste und Kirchenräume möglichst barrierefrei sein? Es geht um bauliche Fragen, aber auch um inhaltliche. Welche Bedürfnisse haben Menschen mit einer Sehbehinderung oder einer geistigen Behinderung? Wie kann die Messe so gestaltet werden, dass sich auch Gehörlose eingebunden fühlen?

„Für uns war dies Neuland“, blickt Brigitte Kuth auf die Gründung des Arbeitskreises zurück. Unter der Überschrift „Neues wagen“ wurde in St. Lukas ein Innovationsprozess angestoßen, der Keimzelle für eine neue Form von Kirche sein sollte. Eine Gruppe beschäftigt sich mit dem Thema Inklusive Kirche.

Wenn Gottesdienst auch Kommunikation bedeutet, ist diese oft noch eine Einbahnstraße. „Viele Menschen mit Handicap werden von der Kommunikation ausgeschlossen“, weiß Astrid Sistig. Sei es, weil Gehörlose ohne Gebärdendolmetscher nicht alles mitverfolgen, oder Blinde ohne akustische oder haptische Reize auch nur einen Teil der Messe miterleben können.

Im Vorfeld einer Messe für Gehörlose müssen manche Texte in Gebärdensprache umgeschrieben werden. Eine Umsetzung Wort für Wort ist kaum verständlich, da Gebärdensprache anders aufgebaut ist.

Welche Möglichkeiten der Teilhabe es gibt, zeigt einmal im Quartal der „Gottesdienst für Alle“. An der Vorbereitung der ersten Messe war im Frühsommer 2017 der Blinden- und Sehbehindertenverein Düren beteiligt. Bei einer Taufe wurde beispielsweise das Taufwasser ganz nah am Mikrofon ausgegossen, um das Sakrament akustisch nachvollziehbar werden zu lassen. Beim zweiten „Gottesdienst für Alle“ an Erntedank waren haptische Elemente integriert: Brot konnte ertastet, Schokolade erschmeckt werden.

Am Sonntag trugen Mitglieder des Gebärden-Chores unter anderem die Fürbitten vor. Johannes Rothkopf dankte in seiner Predigt für die Öffnung der Gemeinde, die freundliche Aufnahme. In einer Welt der sich verändernden Kirche sei die Freiheit der Menschen und gleichzeitig die Vernetzung untereinander umso wichtiger.

„Wir wollen mit der Gottesdienst-Reihe keine Parallelveranstaltungen anbieten“, betont Arbeitskreis-Mitglied Lieselotte von Ameln. Es gehe darum, mehr Öffentlichkeit für dieses Thema herzustellen. „Im Idealfall finden sich in jedem Gottesdienste in jeder Gemeinde Elemente für Menschen mit Handicap wieder“, sagt Brigitte Kuth.

(sj)