In Hovener Kita "Gänseblümchen" wird Partizipation groß geschrieben

So geht Demokratie im Kindergarten : In der Kita „Gänseblümchen“ wird Partizipation groß geschrieben

Gibt es ein Mindestalter für Demokratie und Partizipation? Die Mitarbeiter der Kita „Gänseblümchen“ in Hoven sagen „Nein“ und zeigen in ihrem Alltag, dass kein Kind zu jung ist, um mitzubestimmen und seine Meinung zu äußern.

Das fängt bei der Wahl des Belages auf dem Frühstücksbrot an und reicht bis zu einem selbstgewählten Kinderparlament.

Leiterin der Kita und bei der Awo Multiplikatorin für Partizipation ist Ilona Liebsch. Sie sagt: „Wir Erwachsenen haben gelernt, so zu fragen, dass die Kinder so antworten, wie wir es wollen.“ Das machen sie und ihre Kollegen bewusst nicht mehr. „Man muss bereit sein, Macht abzugeben, damit das Kind mehr Macht bekommt“, erklärt Liebsch. Das arte aber keinesfalls in einen Laissez-faire-Stil aus, bei dem die Kinder machen können, was sie wollen. Liebsch: „Wir als Pädagogen schauen, was den Kindern an Erfahrung und Wissen fehlt und unterstützen damit.“ Sich als Erwachsene zurückzuhalten sei zwar schwer, aber wichtig, ist sie überzeugt.

Seit die Kinder in der Kita „Gänseblümchen“ mehr Mitbestimmungsrechte haben, ist der Alltag für die Erzieher zwar etwas weniger planbar, aber sie spüren deutliche Veränderungen: „Die Kinder sind neugieriger und kreativer“, erklärt Liebsch. „Sie machen viel mehr mit, weil die Initiative von ihnen kam – und auch die Eltern sind schneller im Boot, wenn es darum geht, die Ideen ihrer Sprösslinge umzusetzen.“ Außerdem seien Kinder, die ihre Meinung sagen, selbstbewusster. Liebsch: „Ein Kind, das selbstsicher auftritt, läuft weniger Gefahr, zum Opfer zu werden, und sucht sich eher Hilfe.“

In der Kindertagesstätte ist klar geregelt, was die Kinder entscheiden, wo sie gemeinsam mit den Mitarbeiter das Sagen haben und wo sie überhaupt nicht mitreden dürfen. Alles Gefährdende sei natürlich verboten, da gebe es auch keine Diskussionen, stellt die Leiterin klar. Bei der Auswahl einer Wandfarbe räumt sie sich ein Vetorecht ein und zu welchem Thema eine bestimmte Spielecke als nächstes gestaltet werden soll, bestimmen die Kinder gemeinsam.

So soll beispielsweise aus der Feuerwehrecke bald eine Polizeiecke werden. Dafür haben sich die Kleinen ein Gefängnis gewünscht. Ein Kind hat mit einer Erzieherin am Computer nach unterschiedlichen gebastelten Gefängnissen gesucht. Im freitäglichen Wochentreff kommen alle Kinder der Gruppe zusammen und schauen sich die verschiedenen Möglichkeiten an. „Wie entscheiden wir denn jetzt, welches Gefängnis es wird?“, fragt die Erzieherin. Eine Fünfjährige schlägt vor, von jedem Gefängnis ein Bild auszudrucken und diese im Raum zu verteilen, so dass sich jedes Kind zu dem Bild stellen kann, das ihm am besten gefällt. Abstimmen mit den Füßen wird hier ganz wörtlich genommen.

Aber auch das Prinzip einer geheimen Wahl haben die Drei- bis Sechsjährigen schon kennengelernt. Bei der Wahl für das Kinderparlament hatte jeder Kandidat einen Slogan, ein Wahlplakat und Ideen für einen Gänseblümchen-Spaßtag. In geheimer Wahl durfte jedes Kind per Klebepunkt seinen Wunschkandidaten wählen. Das Ergebnis fiel ganz anders aus, als die Erzieher es vermutet haben.

Der 30-jährige Erzieher Djaafar Hachani, der die Wahl konzipierte, hatte damit gerechnet, dass die älteren, redegewandteren Kinder die jüngeren um den Finger wickeln. Tatsächlich seien deren Ideen aber nicht so stark gewesen, und die anderen hätten sich nicht blenden lassen. Hachani: „Die Kinder haben sich viel Zeit gelassen und wohl überlegt, wen sie wählen. Wenn Erwachsene wählen, ist das manchmal spontaner. Oder sie wählen, wen sie schon immer gewählt haben. Das machen Kinder nicht.“

Auch wenn es im Alltag mal Schwierigkeiten gibt, suchen die Kinder gemeinsam nach Lösungen. Ilona Liebsch erzählt, dass es eine Zeit lang viel Streit in der Bauecke gab. Die Kinder schlugen vor, dass maximal zehn Kinder in der Ecke spielen dürfen. „Das haben wir dann einfach ausprobiert. Bei der Einhaltung ihrer eigenen Regeln sind die Kinder strenger als jeder Erwachsene.“ Sie wissen auch ganz genau, welche Regeln es gibt und welche nicht. Als bei einer nachmittäglichen Obstrunde ein von zu Hause mitgebrachtes Plüsch-Einhorn auf dem Esstisch auftauchte, sagte ein Erzieher, das Einhorn dürfe nicht teilnehmen. „Die Regel gibt es gar nicht“, beschwerten sich daraufhin die Kinder.

Ilona Liebsch ist bei der Awo Kita-Leiterin und Multiplikatorin für Partizipation. Foto: ZVA/Anne Welkener

Der Erzieher gab ihnen Recht, brachte aber in der nächsten Wochenrunde das Thema zur Sprache, erklärte seine Argumente und die Kinder beschlossen daraufhin die Regel: „Keine Einhörner bei der Obstrunde.“ Ilona Liebsch erklärt: „Auch den Kindern war klar, dass das Blödsinn ist, aber sie haben verstanden, dass sie Regeln einbringen und mitbestimmen dürfen.“

Selbst die U3-Kinder sollen ihre Meinung mitteilen. Wenn sie noch nicht sprechen können, machen sie mit Gesten verständlich, wer sie wickeln oder welches Lied morgens gesungen werden soll. Die Großen beraten derweil, was mit einer Spende für die Kita geschehen soll und sammeln in ihrem Wochentreff Ideen für Unternehmungen. Manche Kinder machen den Vorschlag, bald die Murmelbahn oder die Holzautobahn rauszuholen, andere wünschen sich, mal wieder ein kaputtes Elektrogerät – wie neulich eine defekte Kaffeemaschine – auseinanderbauen zu dürfen.

Auf große Begeisterung stieß zuletzt die Idee, ein Edelsteinmuseum einzuführen, in dem die Kinder ihre schönsten Steine ausstellen können. Einzig eine mutig vorgetragene Idee bekam sofort eine klare Absage vom Erzieher: „Wie wäre es mit einem Fernseher für den Kindergarten?“

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