Niederau: In 100 Jahren eine Menge erlebt

Niederau: In 100 Jahren eine Menge erlebt

Aufrecht und aufmerksam sitzt Gertrud Holzportz in ihrem Rollstuhl und wartet der Dinge, die auf sie in den nächsten Tagen vor und während ihres Jubiläums auf sie einstürmen. Dabei wirkt sie recht gelassen, in sich ruhend unter dem Motto: Was kann mir mit meinen zehn Jahrzehnten denn noch unterkommen? Recht hat sie.

Geboren wurde sie am 17. September 1913, ein Jahr vor Ausbruch des ersten großen Krieges in Morschenich bei Buir. Ihre Eltern kamen aus den Niederlanden, aus Westfriesland. Von Morschenich zog die Familie nach Stockheim, wo die Kinder, drei Jungen, drei Mädchen, die Volksschule besuchten.

1927, Gertrud Holzportz beendete ihre Volksschulzeit, fand sie in Drove bei der jüdischen Familie Kaufmann eine Anstellung. „Da hatte ich es gut“, erinnert sich die Jubilarin, „obwohl ich da Mädchen für alles war.“ Hunger erlebten sie und ihre Geschwister nicht, denn der Vater war Schweitzer auf einem großen Bauernhof in Kelz.

„Da brachte er immer was mit“, verrät sie. In Drove lernte sie auch ihren Mann Willi kennen, und zwar beim Tanzen bei Joeken. Die Kaufmanns hatten eine Metzgerei. Nach dem „Schabbes“, ruft sich Gertrud Holzportz ins Gedächtnis zurück, „musste ich Fleisch austragen.“

Doppelhochzeit

Im Jahr 1930 zog Familie Holzportz nach Kelz. Hier fand die junge Frau eine Anstellung bei einer jüdischen Familie, die mit Textilien handelte. Gertrud Holzportz sparte in dieser Zeit ihre Aussteuer zusammen. Im Jahr 1936 erlebte die Kelzer Kirche eine Doppelhochzeit.

Gertrud und ihre Schwester heirateten am selben Tag. Nicht in Weiß, sondern wie üblich, in langen schwarzen Kleidern, aufgehellt durch lange, weiße Schleier. Die erste Wohnung lag in Drove. Ihr Mann Willi arbeitete bei Hoesch-Chemie in Niederau.

„Das waren doch alles Freunde...“

Die Reichspogromnacht verfolgt Gertrud Holzportz noch heute. Die Drover Synagoge brannte nieder. Anfang der Vierzigerjahre, der Zweite Weltkrieg war in vollem Gange, wurden Juden aus Drove verschleppt. Einigen wenigen jüdischen Familien gelang vorher die Flucht in die USA.

„Das kann ich heute noch nicht begreifen“, sinniert die Jubilarin, „das waren doch alles Freunde, Menschen wie du und ich.“

Die Evakuierung verbrachte die Familie in Brandenburg. Da hatten sie auch wieder Glück, denn Unterkunft fanden sie in einem großen Bauerngut, wo die Verpflegung sehr gut war.

Nach dem Krieg fanden die Holzportz in Drove keinen Stein mehr auf dem anderen. 1947 zogen sie in ein neu gebautes Haus nach Niederau. Es war für Gertrud Holzportz, wie sie sagt, eine glückliche Zeit, eine Zeit des Aufbruchs und der gegenseitigen Hilfe.

Seit zwei Jahren im Heim

Drei Enkel und vier Urenkel zählen heute zur Familie. Erst vor zwei Jahren konnte sie nicht mehr alleine leben. Jetzt wohnt sie im Seniorenheim des Marienklosters in Niederau. „Und ich würde alles noch mal so machen wie vorher!“, sagte sie mit einem gewinnenden Lächeln.

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