Düren: Im Krieg gestorben: Ende einer langen Suche

Düren : Im Krieg gestorben: Ende einer langen Suche

Verdun — der Name der französischen Festungsstadt ist zum Sinnbild für die höllischen Materialschlachten des Ersten Weltkriegs geworden, für das gegenseitige Abschlachten. „Verdun war bei uns immer ein großes Wort“, sagt Albert Johann Hesse. „Dort gibt es die großen Soldatenfriedhöfe“, erklärt der 78-Jährige. Dort begannen auch seine Nachforschungen.

Im Jahr 1963 fuhr Hesse, den sein Beruf als Maschinenbauer damals ins benachbarte Ausland geführt hatte, mit seiner Familie nach Verdun, um die Friedhöfe nach einem bestimmten Namen abzusuchen: Johann Josef Simon Wetzler. Die Familie hoffte, dort etwas zu finden, auch wenn der Großvater schon lange vor der Schlacht gefallen war. Kurz nach Kriegsbeginn, im Herbst 1914. Die Suche blieb erfolglos. „Die Hoffnung haben wir aber nicht aufgegeben“, betont Hesse. „Ich hatte der Großmutter meiner Frau versprochen, dass wir das Grab ihres Mannes finden.“

In diesem Sommer stand der 78-Jährige aus Düren erstmals an der letzten Ruhestätte eines Menschen, den er nur aus Erzählungen kennt. „Es war ein ergreifender Augenblick“, schildert Hesse. Er ist froh, dass es einen Ort gibt, an dem Abschied genommen, an dem getrauert werden kann. „Johann Wetzler, Wehrmann“, steht auf dem schlichten Kreuz. Gestorben am 27. Oktober 1914 in Ripont. Ein Ort, der vor Kriegsbeginn rund 100 Einwohner hatte und im Laufe des Krieges von der Landkarte getilgt wurde.

Der Friedhof liegt in Berru, etwa 50 Kilometer von dem Ort entfernt, an dem Johann Wetzler im Spätsommer 1914 getötet wurde, und etwa 130 Kilometer entfernt von Verdun, dem Ausgangspunkt einer Suche von Hinterbliebenen, die Gewissheit haben wollten.

„Jahrzehntelang habe ich gesucht“, schildert Albert Johann Hesse, mehrfach habe er den Suchdienst des Roten Kreuzes kontaktiert. „Meine Großmutter hat viel von ihrem Mann berichtet“, sagt der 78-Jährige. Es waren Geschichten über einen gottesfürchtigen und bodenständigen Landwirt, der sein Fuhrwerk zur Verfügung stellte, wenn der Bischof zur Visitation kam. Ein Bild, das Hesse vom Großvater mütterlicherseits hat, zeigt einen jungen Mann in Uniform. „Ich nehme an, dass es kurz vor dem Abmarsch aufgenommen wurde“, mutmaßt der 78-Jährige. Andere alte Bilder zeigen die Mutter seiner Frau, die ihren Vater nie kennengelernt hat, weil sie bei dessen Tod erst drei Monate alt war, mit ihrem zwei Jahre älteren Bruder. „Großmutter war eine starke Frau. Sie hat zwei Kinder großgezogen und einen Bauernhof bewirtschaftet“, zollt Hesse ihr Respekt. „Ich hätte gewünscht, dass auch sie am Grab ihres Mannes Abschied nehmen kann“, bedauert er.

Warum die Suche lange Zeit erfolglos blieb, vermag Hesse nicht zu sagen. „Es gibt mehrere Ungereimtheiten“, sagt er. So sei beispielsweise der Totenschein auf den 14. November 1914 ausgestellt, ein deutlich späteres Datum als das auf dem Grabstein. „Wir wissen aber, dass dieses Datum falsch ist“, sagt der Dürener. Auch gibt es mehrere Schreibweisen des Namens „Wetzler“. Der Großvater seiner Frau wird auch schon einmal mit „Wetzel“ angegeben. „Tausende Tote sind während des Krieges oder nach dem Krieg zu anderen Friedhöfen gebracht worden, Tausende Soldaten liegen ohne Namen in Massengräbern. Wer weiß, wie damals überhaupt festgestellt wurde, ob und wann und wo jemand getötet wurde?“, sagt Hesse.

„Ich hatte die Hoffnung schon aufgegeben, das Grab zu finden“, erklärt der Dürener. Als sich der 100. Jahrestag des Kriegsausbruchs näherte, wuchs jedoch bei Hesse wieder die Unruhe. „Die Ungewissheit hat mich nicht losgelassen“, sagt er. Sein Sohn habe daraufhin begonnen, im Internet zu recherchieren. „In einer Online-Datenbank wurde er fündig“, schildert Hesse. Vater und Sohn machten sich auf den Weg nach Frankreich, Albert Johann Hesse legte eine Rose am Grab nieder. „Zum Jahrestag seines Todes fahre ich wieder dorthin“, versichert er. Dieses Mal mit der ganzen Familie.

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