Düren: „Ich mach das einfach mit viel Kraft”

Düren: „Ich mach das einfach mit viel Kraft”

Thomas Brübach will den Weltrekord holen. Sein letzter Versuch: Er konzentriert sich, holt tief Luft, nimmt Anlauf. Trippelt vier Schritte, schwingt mit den Armen und schiebt dabei seinen wuchtigen Körper nach vorne.

Er setzt seinen rechten Fuß fest auf den Boden vor der Markierung, beugt sich tief nach unten - und spuckt. Der Kirschkern fliegt, rollt noch ein Stück und bleibt bei 18,37 Meter liegen. Den offiziellen Weltrekord im Kirschkernweitspucken hat der 39-Jährige damit verfehlt, der Weltmeistertitel aber ist ihm sicher.

„Ich mach das einfach mit viel Kraft”, so hatte er zuvor seine Technik beschrieben. „Ich versuche, flach zu spucken, dass der Stein wie ein Flugzeug landet.” Erfolg hat der Malermeister damit. Einmal erreichte er sogar eine Weite von über 24 Metern. Das allerdings war auf einer anderen Bahn, in der nordhessischen „Kirschenstadt” Witzenhausen, wo seit sieben Jahren die Deutsche Meisterschaft im Kirschsteinweitspucken veranstaltet wird. Brübach gewinnt dort regelmäßig, in Düren geht er zum ersten Mal an den Start.

Kirschstein, so müsste es eigentlich heißen, denn die Kirsche ist ein Steinobst, aber in Düren sagt man Kirschkern. Zum 33\. Mal traten am Samstag im Rahmen der Annakirmes in Düren Kirschkernweitspucker aus ganz Deutschland gegeneinander an, um den Weltmeister zu ermitteln. 120 Teilnehmer waren es dieses Mal, Beteiligung aus dem Ausland gab es nicht.

Es war eine Schnapsidee, damals 1974, erinnert sich Heinz Broich: Eine Weltmeisterschaft ausrichten in einem Spiel, das man bislang nur von Kindergeburtstagen kannte. Vor seiner Pensionierung arbeitete Broich jahrelang bei der Stadtverwaltung und ist von Anfang an mit dabei. Erfahrung ist dazugekommen, das Regelwerk ist übersichtlich geblieben: Der Kirschkern muss vom Fruchtfleisch befreit sein, Hilfsmittel sind nicht erlaubt.

Seit vielen Jahren findet der Wettkampf auf einer speziellen Bahn statt: ein 25 Meter langer Streifen aus roter LKW-Plane, auf Kanthölzern gespannt. Nur wenn der Stein auf der Plane liegen bleibt, zählt der Versuch. Auf dieser Bahn hat Oliver Kuck viele Erfolge gefeiert, sieben Mal hat er den Titel gewonnen, er hält den aktuellen Rekord von 21,47 Metern. Doch in diesem Jahr mag es nicht so recht klappen, als Achter der Vorrunde hat er gerade noch das Finale erreicht.

„Es wird eng”, stellt er nüchtern fest. Woran hat es gelegen? Am fehlenden Training jedenfalls nicht, meint Kuck. „Ich trainiere ja sowieso nie.” Er hat allerdings eine spezielle Technik entwickelt. Er rollt die Zunge und lässt den Stein herausschießen. „Wie bei einem Blasrohr.” Im Finale schiebt er sich immerhin auf den vierten Platz vor.

Brübach hat für den Wettkampf extra eine Woche lang trainiert. Nicht das Spucken selbst, sondern seinen Körper allgemein, er war Laufen und Rad fahren. Denn einmal hat er sich einen Muskelfaserriss am Brustwirbel geholt beim Weitspucken, das sollte nicht noch einmal passieren.

Die meisten der Teilnehmer können von Weiten, wie sie Brübach und Kuck erreichen, nur träumen. Einige verzerren das Gesicht, während sie aus dem Stand spucken, manche nehmen mit den Armen Schwung. Dann verlässt der Stein mit einem Zischen, Ploppen oder Prusten den Mund und landet meist vor der Zehn-Meter-Marke. Hin und wieder verschluckt einer gar den Stein vor dem Ausspucken.

Ob in Jeans und T-Shirt oder Jacket und Hut - eine spezielle Kleidung gibt es beim Weitspucken nicht. Dass es kein Nachteil sein muss, mit hochhackigen Schuhen anzutreten, beweist Melanie Heczko, die mit genau 15 Metern bei den Frauen gewinnt. Unter anderem mit Brübach und dessen Sohn Wilko, der zum Jugendweltmeister gekürt wird, ist sie mit dem Team „Paparozzi” aus Witzenhausen angereist.

Dass die Titel in diesem Jahr die auswärtigen Gäste holen, sieht Kuck gelassen. Sein Rekord ist unangetastet, im nächsten Jahr könne es wieder etwas werden mit dem Titel. Er ist sich sicher: Die Tagesform entscheidet. Auch beim Kirschkernweitspucken.

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