Vor Gericht: Veruntreute Steuergelder in Hürtgenwald

Gerichtsprozess : Nur per Zufall ist Untreue 2014 nicht aufgefallen

Carsten E. hatte auch Glück, dass nicht schon im Sommer 2014 herausgekommen ist, dass er Hunderttausende Euro Steuergeld aus der Hürtgenwalder Gemeindekasse veruntreut hat.

Denn zufällig war es E. selbst, der im Juni vor fünf Jahren ans Telefon ging, als ein Dürener Gartenlandschaftsbauer Fragen zu einem Auftrag hatte. Dem Unternehmen kam es komisch vor, dass auf einer Rechnung die Kurzbeschreibung Sportplatz Alemannia Straß auftauchte, obwohl die Firma nie für die Gemeinde gearbeitet hatte.

Für 1642,20 Euro soll sie 70 Quadratmeter Rollrasen im Torraum des Fußballplatzes verlegt haben. Diese Rechnung hatte E. wie mehrere Hundert weitere gefälscht – der Rasen wächst in seinem Garten. Am Telefon soll E. der Firma erklärt haben, der Betreff sei ein Versehen, der Rasen sei nach Absprache mit der Verwaltung in seinem Garten verlegt worden, weil dieser nach Kanalarbeiten überflutet gewesen sei. Für die Firma hatte sich die Sache damit erledigt. Jahre später, nachdem diese Zeitung das Ausmaß der Veruntreuung öffentlich gemacht hatte, erinnerte sich die Firma an jenen Juni 2014 und meldete sich erneut bei der Gemeinde. Diesen Vorgang gab das Gericht der Vollständigkeit halber am Montag zu Protokoll.

40 Mal „Dorfgemeinschaft Gey“

Alemannia Straß war übrigens nicht der einzige Fußballverein, den Carsten E. für seine gefälschten Rechnungen genutzt hatte. So hatte er auch seine privat bestellten Waren und Dienstleistungen deklariert als Arbeiten und Ausrüstungen für den BSV Gey, die SG Germania Burgwart und Grenzwacht Hürtgen. Unter anderem haben die Vereine angeblich nagelneue, moderne Tore bekommen. Und besonders für die Bewohner in Gey interessant: Insgesamt 40 Mal hat E. die damals fiktive „Dorfgemeinschaft Gey“ genutzt, um mit der gefälschten Unterschrift des ehemaligen Ortsvorstehers Helmut Rösseler an Bargeld zu gelangen. E. hat fiktive Arbeiten im Namen Rösselers in Rechnung gestellt und sich insgesamt mehr als 37.000 Euro von der Gemeinde auf ein privates Konto überweisen lassen.

Zwei Anklagen beim Amtsgericht

Der Ex-Beamte hatte zwischenzeitlich das Konto eines Freundes genutzt, unter dem Vorwand, er bekomme Tantiemen von der Gemeinde für eine Buchveröffentlichung. Später nahm er ein Konto seiner Frau. Mit Folgen: Gegen den Freund ist beim Amtsgericht Düren Anklage erhoben worden mit dem Tatvorwurf „leichtfertige Geldwäsche“. Nähere Angaben zu Summe und Ermittlungen wollte Gerichtsdirektor Ulrich Conzen nicht machen. Gegen die Ehefrau wird laut dem Aachener Staatsanwalt Jan Balthasar noch ermittelt – ohne nähere Ausführungen. Ein weiteres Verfahren mit dem Tatvorwurf leichtfertige Geldwäsche ist beim Dürener Amtsgericht gegen die Eltern von Carsten E. anhängig. Dieser Prozess ist noch nicht gestartet, weil das Verfahren gegen E. noch läuft. Angaben zu weiteren Einzelheiten wollte Amtsgericht-Direktor Conzen nicht machen.

Damit nicht genug: Gegen Carsten E. wird erneut wegen des Verdachts auf Urkundenfälschung ermittelt, bestätigt Staatsanwalt Balthasar. Und zwar im Zusammenhang mit seiner Arbeitsstelle, die er nach seinem Job bei der Gemeinde Hürtgenwald angetreten, aber auch schon wieder verloren hat.

E. war zum Abschluss des Prozesstages am Montag den Tränen nah, entschuldigte sich erneut bei allen, die er enttäuscht hatte. „Das härteste Gericht ist das eigene Gewissen“, sagte er und betonte, er möchte in Hürtgenwald wohnen bleiben und fair behandelt werden. „Ich liebe meine Gemeinde.“

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