Düren: Henning Schmidtke: Das Leben gleicht einem 400-Meter-Lauf

Düren: Henning Schmidtke: Das Leben gleicht einem 400-Meter-Lauf

Henning Schmidtke zeichnen viele gute Eigenschaften aus: Er spielt super Klavier, singt gut, besitzt viel Humor und Wortwitz und philosophiert und schauspielert auch noch wie eine Eins. Doch sein größter Pluspunkt ist sein Mut.

Der Mut, klare Worte und ungewöhnliche Mittel zu wählen. Mit seinem Programm „Hetzkasper — Zu blöd für Burn-out“ gastierte er am Dienstagabend im Dürener „Komm“-Zentrum im Rahmen der „SWD.Kommedy.Abende“.

Die Zuschauer waren hingerissen von der Vorstellung des Musikkabarettisten. Die Lieder, die er vortrug, waren ebenso gespickt mit gesellschaftskritischen Sequenzen wie seine Reden. Hinzu kamen Gedankenspielereien wie „Wer nicht wagt, der nicht gewinnt, doch wer verheiratet ist und dann noch Kinder kriegt, der wagt nicht, sondern der spinnt!“ oder auch hübscher Nonsens wie etwa „Du siehst keine echten Sterne, wenn Du gegen die Laterne rennst!“ oder „Wo ein Wille ist, da ist ein Weg; wo eine Quittung ist, da ist auch ein Beleg.“

Henning Schmidtke ließ sich zum Beispiel über die unsägliche Kultur des Castings aus. „Casting ist alles Schuld, das ist der letzte Dreck.“ Alle singen gleich, singen mit Betroffenheitsvibrato und werden dazu erzogen, die Ellenbogen auszufahren. Ein Baustein einer immer gnadenloser und grausamer werdenden Leistungsgesellschaft.

Zeit und Geld regiere die Welt, stellte allerdings schon Johann Wolfgang von Goethe fest, den der Kabarettist entsprechend zitierte. Schmidtke: „Was wäre passiert, wenn Marius Müller-Westernhagen, Udo Lindenberg und Herbert Grönemeyer mit ihren eckigen und kantigen Stimmen an einer Casting-Show teilgenommen hätten?“

Die Antwort war rein rhetorisch: „Die drei wichtigsten Persönlichkeiten der deutschen Popgeschichte wären alle drei rausgeflogen!“ Wie schade wäre das gewesen, denn die drei Musiker seien eben alles andere als langweilig und angepasst.

Der Komiker sponn seine Idee weiter. Weihnachten mit Grönemeyer? Schmidtke trug verblüffend gut, Grönemeyer imitierend und singend, vor: „Das wäre spannend mit Titeln wie ,Gebt dem Christkind das Kommando‘.“ Und erst Ostern mit Udo Lindenberg: „Nach Deiner Kreuzigung geht‘s weiter......“

Einen Kabarettisten nach Leistung zu bezahlen, stellt sich allerdings als schwierig heraus. Schmidtke sagte einst kess zu einem reichen, geizigen Unternehmer: „Wollen Sie etwa nur die Gags bezahlen, die sie auch verstanden haben? Dann könnte das für Sie ja ein billiger Abend werden!“

Derart bissig ging es weiter: Sport, die Mogelpackung Politik — nichts ließ Schmidtke unbeleuchtet. Schnell bewegt er sich dabei auf der Bühne: Mikro in der rechten Hand, dann in der linken und wieder zurück. Ans Klavier gelehnt, ans Klavier gesetzt und wieder hoch. Bis, ja bis er auf einmal am Klavier zusammensackt und meint, es geht nicht mehr weiter. Schwäche, Kraftlosigkeit, Pause. Das Publikum hält den Atem an. Doch es geht weiter.

Der Kabarettist holt sich einen Stuhl, holt Luft und macht einige Minuten mitten auf der Bühne gar nichts. Er sitzt nur da, und das Publikum sitzt auch nur da — und wartet. Stille.

Irgendwann fängt Schmidtke wieder an zu plaudern, langsamer als vorher, das wirkt nach der ersten, schnellen Stunde Kabarett besonders intensiv. Er wirft die Frage auf: „Welches Tempo ist jetzt wirklich meins?“ Und dann kommt er zu dem Schluss: „Im Leben ist es wie beim 400-Meter-Läufer: Man kommt genau da an, wo man losgelaufen ist, die Startlinie ist die Ziellinie. Und wer sein Leben genießen möchte: Es ist gar nicht ratsam, immer der Schnellste zu sein.“

Verneigung, Herr Schmidtke, das war wirklich erste Sahne!

Mehr von Aachener Zeitung