Düren: „Held von Düren“: Der Pilot, der eine Katastrophe verhinderte

Düren: „Held von Düren“: Der Pilot, der eine Katastrophe verhinderte

Der dramatische Flugunfall über dem Sauerland mit Beteiligung zweier Eurofighter hat einmal mehr eine Diskussion über die Gefahren bei militärischen Flugübungen über bewohntem Gebiet entfacht. In Düren und Umgebung ist das seit Jahrzehnten ein Thema, denn die Region lebt mit und zu einem großen Teil auch vom Fliegerhorst Nörvenich.

Dort stiegen die beiden Maschinen auf, einer kehrte nach dem Crash beschädigt zurück. Der zweite landete in Köln-Wahn. Viele ältere Dürener dürften sich beim Anblick der Bilder auch an einen 40 Jahre zurückliegenden Flugzeugabsturz erinnert haben, bei dem die Stadt nur knapp einer Katastrophe entgangen ist.

Jet-Pilot Harald Böhnke, damals 27 Jahre alt, manövrierte 1974 seinen Starfighter in allerletzter Sekunde auf ein Feld südöstlich der damaligen Ford-Werke, konnte selbst noch per Schleudersitz aussteigen. Er kam mit leichten Verletzungen davon. Seine fliegerische Leistung war damals Stadtgespräch. Und brachte ihm einen Ehrentitel ein: „Der Held von Düren“.

Täglich wird der heute 66-Jährige an das Geschehnis vom 11\. März 1974 erinnert. Ein Dürener Bürger, an dessen Name er sich nicht mehr erinnern kann, hat Harald Böhnke aus einem Kantholz ein Starfighter-Modell gebastelt. Das steht im Wohnzimmer seines Hauses in Emtinghausen in der Nähe von Bremen. „Der einzige Starfighter mit einem Holzwurm als Passagier“, scherzt Böhnke, als die DZ ihn in seiner Heimat erreichte. „Es war eine schöne Zeit in Nörvenich“, blickt er zurück auf seine Fliegerei mit dem Starfighter.

Wie andere Kollegen auch würde Böhnke „immer und zu jeder Zeit“ wieder in den Jet steigen, der den wenig schmeichelhaften Ruf als „Witweenmacher“ erreichte. Die Luftwaffe zählte knapp 300 Abstürze und über 100 getötete Piloten.

An das Geschehen vom 11\. März 1974 erinnert sich Böhnke, der damals in Merzenich wohnte, noch als sei es gestern gewesen. Ideales Flugwetter beim Start in Nörvenich, den Übungsflug über Süddeutschland problemlos abgewickelt.

Aber dann: Triebwerksausfall beim Anflug auf Nörvenich. „Alle Versuche, das Triebwerk erneut zu starten, scheiterten“, schildert der Ex-Pilot. „Für mich war klar, dass ich aussteigen muss.“ Aber wo? Die beiden Hochhäuser am Miesheimer kamen ganz nah. Und die Ford-Werke (heute Neapco) mit ihrem großen Parkplatz. „Da standen nicht nur Autos; auch Leute“, erinnert er sich. Und dann war da noch die Hochspannungsleitung.

Böhnke gelang es, den wegen seiner fehlenden Gleiteigenschaften schnell an Höhe verlierenden Starfighter noch so zu manövrieren, dass er auf freiem Feld aufschlug. „Neun Meter über dem Boden habe ich den Schleudersitz ausgelöst.“ Mit relativ geringen Verletzungen landete er am Fallschirm unweit der Absturzstelle. „Dann kam auch schon die Ford-Werksfeuerwehr angerast“, hat Böhnke noch im Gedächtnis.

Die Ford-Werke bedankten sich auf ihre Weise: Mit einem Granada-Kombi. Sieben Tage nach dem Absturz saß Böhnke wieder im Starfighter. Nach Ende seiner Zeit in Nörvenich bildete der Luftwaffenoffizier in England Tornado-Piloten (Nachfolger des Starfighters) aus. Auch beim Ausscheiden aus der Bundeswehr blieb Harald Böhnke der Fliegerei treu. Als Ausbilder und Co-Pilot einer Boeing 737 der Lufthansa.

Kurioses am Rande: Wenige Monate vor dem Absturz waren drei Dürener Journalisten zu Gast auf dem Flugplatz Beja in Portugal. Sie besuchten dort das „Jabo“-Geschwader aus Nörvenich, das wegen Reparaturen an der Start- und Landebahn zeitweise nach Südportugal verlegt worden war.

Vor Ort pilotierte Harald Böhnke eine „Do 27“, mit der die Angehörigen der schreibenden Zunft die wunderschöne Algarve ebenso kennen lernten wie die bitterarme Provinz Alentejo. „Der Held von Düren“ hat sich nicht verändert. Bescheiden und fröhlich wie immer. Und mit dem Schnauzbart als Markenzeichen. Wie vor 40 Jahren.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Nörvenicher Eurofighter stößt mit Privatjet zusammen: Tote

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