Kammermusikfestival "Spannungen" in Heimbach lockt Besucher aus Japan

10.000 Kilometer Anreise : Herr Nakaki ist verrückt auf Kammermusikfestival „Spannungen“

Ein bisschen fühlt Takao Nakaki sich in Heimbach schon zu Hause. Der 71-jährige Japaner, der in der Millionenstadt Kyoto lebt und dort als Medizinprofessor gearbeitet hat, verbringt schon zum zweiten Mal seine Ferien in dem Eifelstädtchen.

Nein, Herr Nakaki ist kein begeisterter Wanderer oder gar Liebhaber des Nationalparks Eifel. „Ich bin seit meiner Schulzeit ein echter Klassik-Freak“, sagt der Japaner. „Und ich bin wegen des Kammermusikfestivals ‚Spannungen’ hier.“ Herr Nakaki ist der Festival-Besucher mit der weitesten Anreise. Mit Abstand. Fast 10.000 Kilometer Anreise, um zwölf Konzerte zu besuchen, nimmt sonst keiner auf sich.

Dass „Spannungen“ längst international bekannt sind, ist kein Geheimnis mehr. Vor vier Jahren, zur 18. Festival-Auflage, hat die „New York Times“ dem Festival eine ganze Seite gewidmet. Und Lars Vogt, Ideengeber und künstlerischer Leiter der Kammermusikwoche, wird bei seinen Konzertreisen durch die ganze Welt gerade auch in Asien häufig auf das Festival in der Eifel angesprochen.

Herr Nakaki ist ganz anders auf „Spannungen“ aufmerksam geworden. „Ich hatte nie von dem Festival, Lars Vogt oder Heimbach gehört. In Deutschland kannte ich nur Heidelberg, weil da meine Tochter wohnt.“ Aber weil Takao Nakaki eben ein „Klassik-Freak“ ist, hat er eines Tages im Internet nach CDs mit einem bestimmten Klavierquintett von Edward Elgar gesucht. „Ich habe eine gefunden und bestellt. Die Aufnahme war toll, und als ich mir die CD näher angeguckt habe, habe ich gesehen, dass es ein Live-Mitschnitt von ‚Spannungen’ war. Da bin ich neugierig geworden.“

Herr Nakaki hat sich weitere „Spannungen“-CDs bestellt – mittlerweile stehen alle verfügbaren bei ihm zu Hause im Regal – und angefangen, in Japan nach Konzerten mit Künstlern zu suchen, die auch in Heimbach auftreten. „Den Cellisten Julian Steckel habe ich erst kürzlich in Japan gehört. Ich bin total froh, dass der diesmal auch in Heimbach dabei ist. Irgendwann war mir das nicht mehr genug, und ich wollte nach Heimbach.“

Mittlerweile hat Takao Nakaki schon eine gewisse Routine, wenn er sich die Festival-Tickets im Internet bestellt. „Aber ich bin Mitte März immer ein bisschen nervös, wenn ich noch nicht genau weiß, wann der Vorverkauf beginnt.“ Steht der Termin fest, stellt Herr Nakaki sich den Wecker, um den Zeitpunkt auf keinen Fall zu verpassen. „Wenn um 10 Uhr der Vorverkauf startet, ist es in Kyoto 17 Uhr. Ich klicke alle Konzerte an und werde erst wieder richtig ruhig, wenn ich die Zusage bekommen habe, alle Konzerte besuchen zu dürfen. Sonst würde sich die Reise ja auch nicht lohnen.“

Rund 315 Euro kostet das Abonnement für drei Konzerte, zuzüglich der drei Tickets für die drei Sonderkonzerte. „Das ist es mir wert, auch wenn mir nicht immer alles wirklich gut gefällt.“ Zwar hat Takao Nakaki keinen richtigen Lieblingsmusiker, mit ernster Musik aus dem 20. und 21. Jahrhundert tut er sich allerdings ein bisschen schwer. „Das Konzert am Montag hat mir nicht so gut gefallen. Das wusste ich aber vorher. Trotzdem lasse ich keinen Abend aus. Deswegen bin ich schließlich hier.“

Immer im Hotel

Die Konzerte sind wirklich Herrn Nakakis einziger Urlaubsinhalt. Meistens geht er die 2,2 Kilometer (eine Strecke) vom Hotel bis zum Kraftwerk zu Fuß, den Rest des Tages verbringt er in seiner Unterkunft. „Ich lese, bereite mich auf die Konzerte vor und übersetze ein medizinisches Fachbuch vom Englischen ins Japanische.“

Seitdem er pensioniert ist, besucht Dr. Nakaki, der viel lächelt und unglaublich freundlich ist, mindestens 20 Konzerte in Japan jedes Jahr. „Aber klassische Musik ist bei meinen Landsleuten nicht besonders populär“, sagt er bedauernd. „Deswegen bleibe ich diesmal auch etwas länger in Deutschland.“ Herr Nakaki besucht seine Tochter in Heidelberg – und sechs weitere Konzerte in Süddeutschland.

„Für mich ist aber ‚Spannungen’ noch einmal besonderer als andere Klassikkonzerte, die ich kenne. Das Gebäude und die Atmosphäre sind einfach einzigartig.“ Übrigens hat Herr Nakaki noch nie zu einem der „Spannungen“-Künstler Kontakt aufgenommen, eine Frage gestellt oder um ein Autogramm gebeten. „Das möchte ich nicht. Diese Menschen sind Weltklasse-Künstler. Ich möchte ihnen nur zuhören.“

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