Hartmut Lange zu Gast am Stiftischen Gymnasium

„Lesung und Gespräch“ : Von „Othello“ zum „Haus an der Dorotheenstraße“

Fünf düstere menschliche Schicksale lässt der Autor Hartmut Lange in seiner Novellensammlung „Das Haus in der Dorotheenstraße“ vor dem geistigen Auge seiner Leser entstehen. Am Dienstagabend las er auf Einladung von Dr. Achim Jaeger im Rahmen der Literaturreihe „Lesung und Gespräch“ aus diesem Buch vor.

Rund 150 überwiegend junge Gäste waren in die Aula des Stiftischen Gymnasiums gekommen, um die Geschichten des renommierten Berliner Schriftstellers zu hören.

Die titelgebende Novelle „Das Haus in der Dorotheenstraße“ beschreibt den verheirateten Journalisten Gottfried Klausen. Er wurde nach London versetzt, seine Frau tritt den Flug, mit dem sie eigentlich aus Berlin nachkommen wollte, nicht an. Klausen steigert sich in die Vorstellung hinein, dass seine Frau ihn betrügt. Mit der Schilderung des Unbehagens, des Anfangsverdachts des Journalisten beendet Lange den Vortrag dieser Geschichte, die immer wieder Bezug nimmt zu Shakespeares Eifersuchtsdrama „Othello“. Allerdings, so verrät Lange im Gespräch, würde es zu einem Journalisten der Süddeutschen Zeitung wie Klausen schwerlich passen, seine Geliebte – wie Othello – aus Eifersucht zu töten. Nein, so formuliert Lange, jemand wie Klausen versuche eher, aufzuklären. Das passe „in die Wahrscheinlichkeitskurve“ dieses Charakters.

Hartmut Lange las aus zwei weiteren Novellen. Aus seinem neuesten Novellenband „Prorer Wiek und anderswo“ trug er „Emilys Schatten“ vor, die Geschichte einer 17-jährigen Schülerin, die sich durch das beständige Mobbing ihrer Mitschüler so gedemütigt fühlt, dass sie in den Tod springt. Es sei eine wahre Geschichte erzählt Lange, „nur eben surrealistisch überhöht“ durch ihren Schatten, mit dem sie spricht und der ihr antwortet. Wie René Magritte in seinen Bildern, so suche er in seinem Erzählen die maximale Verdichtung von Entfremdung.

Die Szenarien, die Lange schildert, folgen der Logik von Alpträumen, was bedeutet, dass seine Texte durchzogen sind von Brüchen in Zeit, Raum und logischen Abfolgen sowie symbolhaften Bildern. Den Erzählern ist nicht zu trauen. Langes Sprache ist klar und einfach, was den Wechsel von scheinbar harmlosem Alltag zum Unheimlichen noch verstörender macht. All das trägt zum Reiz der Geschichten bei, die den Leser und Zuhörer in das Geschehen geradezu hineinsaugen.

Die dritte Geschichte, die Hartmut Lange in Düren las, heißt „Die Cellistin“ und entstammt wiederum der Novellensammlung „Das Haus in der Dorotheenstraße“. Ein Ich-Erzähler begegnet darin einer toten Cellistin. Die Figur ist angelehnt an die britische Cellistin Jacqueline du Pré, die im Alter von 42 Jahren an den Folgen ihrer Erkrankung an Multipler Sklerose verstarb. Der Erzähler in Langes Geschichte versucht sie zu trösten, indem er ihr gegenüber argumentiert, dass sie durch ihre Kunst unsterblich geworden sei.

Im Gespräch mit dem Moderator Dr. Achim Jaeger erzählte Lange, wie Musik ihn inspiriere zu Sprache, wie er seinen Sprachklang dem Klang der Cellistin angepasst habe und dass diese Novelle so etwas wie ein literarisches Testament sei: „Das ist meine Art mich ausdrücken zu wollen und zu können“ verriet er.

Der bekannte Autor plauderte sehr sympathisch und unverkrampft über das Leben, das Altern, die Literatur, das Unheimliche, Lebenslügen und das „psychisch Pathologische“, das sich im „Irrationalismus“ des Menschen zeige, der sich besonders bei heutigen Machthabern weltweit bemerkbar mache. Nach der Lesung, die von der Bürgerstiftung Düren und dem Verein der Freunde und Förderer des Stiftischen Gymnasiums unterstützt wurde, gab es Gelegenheit, sich erworbene Bücher des Autors signieren zu lassen.

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