Graue Kiesgärten: Kommunen im Kreis Düren planen Vorschriften

Kommunen planen Vorschriften : Graue Kiesvorgärten werden vielerorts heiß diskutiert

Niederzier, Langerwehe, Kreuzau und Vettweiß sind nur einige Gemeinden im Kreis, in denen ein Thema nicht nur am Gartenzaun, sondern auch in politischen Sitzungen diskutiert wird: Kiesvorgärten. Bei der Frage, ob Kommunen einschreiten müssen, scheiden sich die Geister.

Sollen sie im Sinne des Umweltschutzes mit Vorschriften in Bebauungsplänen für mehr Begrünung sorgen oder im Sinne größtmöglicher Entscheidungsfreiheit für ihre Bürger genau das lassen?

Eine Antwort muss in der Gemeinde Vettweiß noch gefunden werden. „Vor zehn Jahren habe ich selbst ein Haus mit Splitfläche davor gebaut“, erzählt der Vettweißer Bürgermeister Joachim Kunth (CDU). „Das würde ich heute nicht noch mal so machen.“ Trotzdem tut er sich schwer damit, eine Vorschrift für Neubaugebiete zu unterstützen. „Wir haben bisher immer möglichst viele Freiheiten bei den Bebauungsplänen gelassen und deshalb sehr bunt gemischte Baugebiete.“ Nun Vorgaben für die nächsten Gebiete einzuführen, scheint ihm ein starker Eingriff in die Eigentumsrechte der Häuslebauer, deren Selbstverwirklichung er natürlich nicht im Weg stehen möchte.

So wie Kunth sehen das in Vettweiß noch einige andere Politiker. Für das neue Wohngebiet am Jakobwüllesheimer Sportplatz sah das Planungsbüro zunächst vor, dass 80 Prozent der nicht überbaubaren Flächen Grünfläche werden müssten. Auf Wunsch der Politiker wurde allerdings diese Vorschrift zur gärtnerischen Gestaltung aus dem Plan gestrichen. Zwei Tage später stimmten die Politiker einstimmig dafür, die Verwaltung auf Antrag der Grünen damit zu beauftragen, zu recherchieren, „ob und wie der Versiegelung beziehungsweise Schottereinbringung in Gärten und Vorgärten begegnet werden kann“. Das Thema wird also in Vettweiß noch weiter diskutiert.

Auch die im Internet auf der Facebook-Seite „Gärten des Grauens“ bereits heftig kritisierte Gemeinde Niederzier hat bisher in ihren Bebauungsplänen keine Gestaltungsvorschriften für Vorgärten erlassen. Doch das könnte sich ändern, wie Bürgermeister Hermann Heuser (SPD) auf Nachfrage ankündigt. Denn in jüngster Vergangenheit hat die Zahl der mit Basalt, Lavasteinen oder Grauwacke gestalteten Vorgärten enorm zugenommen. Heuser hat zwar durchaus Verständnis dafür, dass der Trend zunehmend zu pflegeärmeren Gestaltungsformen geht, insbesondere wenn Eheleute beide berufstätig sind, er denkt aber auch an das Thema Biodiversität. „Artenschutz ist Teil des Klimaschutzes“, betont Heuser und weist darauf hin, dass auch Steinbeete regelmäßig gesäubert werden müssen. Daher plädiert Heuser für einen „goldenen Mittelweg“ und will mit gutem Beispiel vorangehen. Dort, wo in den Straßen in der Vergangenheit Baumscheiben und Mittelinseln nur noch mit Steinen „dekoriert“ wurden, um den gemeindlichen Bauhof zu entlasten, will Heuser mit immergrünen Sträuchern für eine optisch ansprechendere und umweltfreundlichere Gestaltung sorgen.

Steine in Vorgärten ... Foto: ZVA/Jörg Abels

Aber er betont auch ausdrücklich, dass der Bauhof mit seinen gerade einmal 14 Planstellen besonders in der Vegetationsperiode nicht in der Lage sein wird, überall in den sieben Orten alle Flächen gärtnerisch zu betreuen, schließlich gebe es mehrere Hundert Baumscheiben, Verkehrsinseln und ähnliches in der Gemeinde. Daher appelliert er auch an die Bürger, sich um das Beet vor der eigenen Haustür zu kümmern.

Die Gemeinde Langerwehe denkt über eine Gestaltungssatzung für Vorgärten in Neubaugebieten nach, Kreuzau schließt – nach einem einstimmigen Beschluss im Hauptausschuss – für das neue Baugebiet im Süden Steinvorgärten ausdrücklich aus. Dem für Bauherren verbindlichen Plan liegt eine „Gestalterische Festsetzung der Vorgärten“ bei. Darin wird gefordert, die Vorgärten zu begrünen und als Grünfläche dauerhaft zu erhalten. Lediglich Stellplätze, Zufahrten zu Garagen und Wege zum Hauseingang dürfen gepflastert werden.

Die Versiegelung der Vorgärten sowie die flächige Gestaltung mit Steinmaterial ist hingegen unzulässig. In der Begründung der Gemeinde heißt es: „Die heutzutage vermehrt vorkommenden Schotter- oder Kiesgärten bieten zum einen ein tristes Bild, zum anderen bieten sie keinen Lebensraum für Flora und Fauna.“ Da die Zahl der Kleintiere und Insekten deutlich sinke, solle man Lebensräume für diese Arten auch bei „Flächeninanspruchnahme für bauliche Zwecke“ erhalten.

Dass dieses Thema nun in immer mehr Orten auf die politische Agenda kommt, freut Udo Vosen. Er betreibt einen Betrieb für Garten- und Landschaftsbau in Niederzier. Als vor einigen Jahren der Trend der Kiesvorgärten aufkam, hat er seinen Kunden diesen Wunsch noch erfüllt, ist davon aber schnell abgerückt. Ihm sei wichtig, dass die Insekten Lebensraum und Nahrung finden und auch für das Mikroklima seien grüne Gärten besser, ist er überzeugt. „Wenn in den Neubaugebieten die Sonne auf die Straßen, Häuser und dann auch noch den Kies der Vorgärten fällt, spürt man das“, sagt Vosen. Im Wald sei das Klima schließlich auch besser als in der Wüste.

Der Landschaftsgärtner hört oft von der Hoffnung einiger Kunden, ein Kiesvorgarten sei kostengünstiger und weniger arbeitsintensiv. Beidem widerspricht er. Die Kosten hielten sich seiner Einschätzung nach etwa die Waage und ein Kiesbeet mache mehr Arbeit, als sich viele vorstellen. Vosen: „Am wenigsten Pflege braucht ein Vorgarten, den man dicht mit Bodendeckern bepflanzt.“

... oder auf Verkehrsinseln wollen einige Gemeinden zukünftig vermeiden. Kreuzau hat einen entsprechenden Bebauungsplan beschlossen. Foto: ZVA/Jörg Abels

Einen anderen Vorschlag hat Heidrun Düssel-Siebert, Leiterin der Biologischen Station Düren: einen wilden Vorgarten. Hierbei spürt sie eine Trendwende: „Immer mehr Menschen werden mutiger, mal was wachsen und stehen zu lassen. Und bei bunten Vorgärten bleiben dann oft Leute stehen und freuen sich, dass es bunt ist und brummt.“

Bei Düssel-Siebert und ihren Kollegen rufen nicht selten ältere Menschen an, die es nicht mehr schaffen, ihren Vorgarten in Schuss zu halten, und um Tipps bitten. Denen empfehlen die Biologen beispielsweise Taschengeldbörsen. Jugendliche, die sich etwas dazuverdienen möchten, im Vorgarten mähen oder jäten zu lassen, sei eine kostengünstige Alternative, ist Heidrun Düssel-Siebert überzeugt. Sie freut sich, dass bereits einige Gemeinden im Kreis entschieden haben, kommunale Flächen weniger zu bewirtschaften. „Da muss auch nicht zwingend eingesät werden, das Samenpotenzial ist im Boden. Statt einen Golfrasen zu pflegen, kann man die Fläche einfach sich selbst überlassen. Das kann man doch in dem einen oder anderen Vorgarten auch einmal wagen.“

(ja/kin/pan/wel)
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