100-jähriges Bestehen : Geschichte prägte den Wirtschaftsstandort Düren

100-jähriges Bestehen : Geschichte prägte den Wirtschaftsstandort Düren

In diesem Jahr feiert der Arbeitgeberverband der Industrieverbände sein 100-jähriges Bestehen, Grund genug, um einen Blick auf die Geschichte und die Zukunft der Vereinigung zu werfen.

„Am 14. November haben die Arbeitgeber der Industrie von Düren und Umgegend im Dreikaiser-Hotel eine stark besuchte Versammlung abgehalten, in der die Erschienenen sich zu einer Vereinigung der Industriellen von Düren und Umgegend zusammengeschlossen haben, um alle Fragen der Übergangswirtschaft zu behandeln.“ Diese Nachricht stand am Mittwoch, 27. November 1918, in der Zeitung, berichtet wurde damals über die Gründung der Vereinigten Industrieverbände (VIV).

Bis 1944 stand das Verbandshaus der Vereinigten Industrieverbände an der Kölnstraße in Düren. Heute ist der Sitz der VIV an der Tivolistraße. Foto: Stadt- und Kreisarchiv, Claudia Veith

Die Sorgen der Menschen und auch der Industrie waren groß im November 1918. Der Erste Weltkrieg war erst wenige Tage zu Ende, und die Verantwortlichen, allen voran der damalige Dürener Oberbürgermeister August Klotz und die Industriellen Rasmus Beck, Hermann Löwenstein, Rudolf Schoeller und Felix Schüll, fürchteten eine hohe Arbeitslosigkeit, die sie verhindern wollten.

Kenner der Industrieverbände: Hans-Harald Sowka, Dr. Stephan Kufferath und Dr. Stefan Cuypers (von links). Foto: Sandra Kinkel

Ein Großteil der Betriebe war damals mit Rüstungsarbeiten beschäftigt, und es galt, die Übergangswirtschaft zu gestalten. Die Umstellung auf Friedenswirtschaft war problematisch, weil es an Rohstoffen fehlte und die Versorgung mit Brennstoffen unsicher war. Gleichwohl entschlossen sich die Verantwortlichen damals, alle Arbeiter, auch die, die gerade aus dem Krieg zurückgekehrt waren, wenigstens eine gewisse Zeit lang, sei es auch nur mit Notstandsarbeiten, zu beschäftigen. 77 (von 102) Unternehmen waren bei der Gründungsversammlung der Industrieverbände vertreten.

Sehr schnell schlossen sich der „Allgemeine Arbeitgeberverband von Euskirchen und Umgebung“, der „Arbeitgeberverband der Roh- und Weißzuckerfabriken des Wirtschaftsgebietes Erft/Rur“, der „Industrieverband Kreis Schleiden“ und der „Industrieverband Kreis Jülich“ der Dürener Vereinigung an und schon 1922 hatte der Verband 207 Mitgliedsfirmen mit mehr als 22.300 Arbeitnehmern.

Der Zweite Weltkrieg bedeutete noch einmal einen großen Einschnitt. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurden alle Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände verboten. Auch die VIV lösten sich auf, blieben aber wirtschaftspolitisch bis zur Zerstörung Dürens am 16. November 1944 aktiv. Nur wenige Monate nach Kriegsende fanden sich 54 Firmen im August 1945 zur Neugründung des Verbandes. Erstes Ziel war damals der Wiederaufbau der Betriebe.

Tarif- und Sozialpolitik, Arbeitsrecht, Arbeitswirtschaft und die vergangenen Jahren auch immer stärker Umweltrecht — die Themen, mit denen sich die Mitglieder der VIV in den vergangenen hundert Jahren auseinandergesetzt haben, waren immer recht ähnlich — und doch völlig unterschiedlich. „Die Dürener Industrie“, sagt Dr. Stephan Kufferath, 20 Jahre Vorsitzender und mittlerweile Ehrenvorsitzender der VIV, „hat sich schon immer durch ihre große Vielfalt ausgezeichnet. Natürlich spielt die Papierindustrie eine wichtige Rolle, aber eben nicht nur.“

Kufferath nennt darüber hinaus Metall-, Chemie- und die papierverarbeitende Industrie als wichtige Säulen der Dürener Unternehmerlandschaft. „Viele Betriebe sind in ihrem Sektor sogenannte ‚hidden champions‘, also Weltmarktführer, die hochattraktive Arbeitsplätze schaffen. So viel unterschiedliche Industrie auf so engem Raum wie in unserer Region findet man selten.“

Aber was hat sich nun geändert in 100 Jahren VIV? Geändert habe sich vor allem, sind Kufferath sowie Hans-Harald Sowka, VIV-Geschäftsführer bis Mai diesen Jahres, und sein Nachfolger Dr. Stefan Cuypers überzeugt, vor allem das Verhältnis zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern. „Wir haben heute“, sagt Kufferath, „extrem selbstbewusste Arbeitnehmer, mit denen wir uns auf Augenhöhe begegnen.“

Gleichwohl sei gerade bei mittelständischen Unternehmen die Verantwortung der Unternehmer gegenüber den Arbeitnehmern immer noch sehr hoch. Kufferath; „Das, was unsere Gründungsväter 1918 gemacht haben, nämlich Menschen Arbeit geben, obwohl diese Arbeit gar nicht da war, haben wir nach der Wirtschaftskrise 2008 in ähnlicher Form gemacht.“ Vor zehn Jahren hätten die Unternehmer mit Umsatzeinbußen von 20 Prozent und mehr zu kämpfen gehabt. „Trotzdem haben viele Unternehmer Verluste in Kauf genommen“, sagt Kufferath, „und eben keine oder nur sehr wenig Arbeitnehmer entlassen.“

Image- und Paradigmenwechsel

Neben dem Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer sei es darüber hinaus vor allem das Image der Industrie, das sich verändert habe, erklären die VIV-Kenner. „Noch in den 1960er Jahren“, sagt Kufferath, „galt die Industrie als notwendiges Übel. Sie war einfach laut und dreckig. Heute ist das Gegenteil der Fall. Viele Betriebe sind sehr sauber, es herrschen gute Arbeitsbedingungen. Und es ist ganz sicher auch Verdienst unseres Verbandes, dass mehr über die Industrie gesprochen wird.“

Digitalisierung, Einsatz von Robotern und künstlicher Intelligenz, aber auch demografischer Wandel und Fachkräftemangel sind die Themen, mit denen die Industrieverbände sich heute verstärkt auseinandersetzen. Kufferath: „Die Geschichte hat gezeigt, dass keine industrielle Revolution eine Massenarbeitslosigkeit zur Folge hatte. Und das wird auch jetzt nicht der Fall sein. Ich bin davon überzeugt, dass die Zahl der Arbeitsplätze sich noch einmal erhöhen wird.“ Auch in Zukunft müssten Dinge produziert und Roboter gebaut werden.

Ein Thema, das auch für die Industrieverbände an Bedeutung zunehmen wird, ist die Beratung in umweltschutzrechtlichen Fragen. Auch deswegen haben die Verantwortlichen der VIV sich entschieden, mit Dr. Stefan Cuypers einen gemeinsamen Geschäftsführer für die VIV und den Verein Industrie-Wasser-Umweltschutz zu berufen.

Mehr von Aachener Zeitung