Gedenkveranstaltung zur Reichspogromnacht in LVR-Klinik Düren

Gedenkveranstaltung in der LVR-Klinik Düren : Weil Demokratie nicht vom Himmel fällt

Schüler und Lehrer der Krankenpflegeschule der LVR-Klinik haben die Gedenkveranstaltung zur Reichsprogromnacht vorbereitet. Bei der Veranstaltung kommen auch Bewohner zu Wort, die damals ihre Augen vor den Geschehnissen verschlossen haben.

Sätze wie „Warum macht ihr den ganzen Quatsch überhaupt noch. Es ist doch ruhig geworden im Land“, hört Thomas Hax-Schoppenhorst lange nicht mehr. Seit mehr als 13 Jahren bereitet der pädaogische Mitarbeiter der LVR-Klinik in Düren mit Krankenpflegeschülern aus dem zweiten Ausbildungsjahr die Gedenkveranstaltung zur Reichspogromnacht auf dem Klinikgelände vor. „Für die Schüler bedeutet das eine zusätzliche Aufgabe, zusätzliche Zeit, die sie investieren müssen. Aber in den vergangenen Jahren machen die Leute immer bewusster und überzeugter mit – auch wenn sie sich altersmäßig von dem Thema eigentlich immer mehr entfernen.“

1400 Synagogen, Versammlungsräume sowie Tausende Geschäfte, Wohnungen und jüdische Friedhöfe wurden zerstört. Rund 30.000 Juden in Konzentrationslagern inhaftiert, von denen Hunderte ermordet wurden oder an den Haftfolgen starben. Auch in Düren trieben Nationalsozialisten in der Reichpogromnacht ihr Unwesen. Hax-Schoppenhorst: „Das Gedenken an die Reichspogromnacht ist immer auch eng verknüpft mit dem Thema Euthanasie. Und seinerzeit hat sich auch die Psychiatrie nicht mit Ruhm bekleckert. Allein aus unserer Klinik sind 1700 Patienten zu Tötungsanstalten gebracht worden.“ Ärzte, aber auch Pflegekräfte, ergänzt Karl Savelsberg, Leiter der Krankenpflegeschule an der LVR-Klinik, seien an der Vorbereitung zur Deportation beteiligt gewesen. „Auch deswegen ist es uns und der Klinikleitung ein so großes Anliegen, dass sich unsere Krankenpflegeschüler mit dem Thema intensiv auseinandersetzen.“

René Brandt, Fabienne Wenning, Maren Kuckertz und Bettina Jurowsky gehören zu den 26 Krankenpflegeschülern, die die Gedenkveranstaltung am Samstagabend auf dem Klinikgelände vorbereitet haben. Insgesamt haben sie sich 20 Stunden mit dem Thema Drittes Reich und Reichspogromnacht auseinandergesetzt. „Mich hat das sehr berührt“, sagt Maren Kuckertz. „Erstens, weil wir viel mehr ins Detail gegangen sind als im Geschichtsunterricht in der Schule. Und zweitens, weil mir nicht klar war, wie versteckt die Täter damals agiert haben. Außerdem fand ich es wirklich erschreckend, dass die Ärzte und Pfleger, die damals die Ziele der Nazis mit umgesetzt haben, nicht selten nach dem Krieg schon nach wenigen Monaten wieder in ihrem Beruf arbeiten durften.“

Die Ereignisse der Reichspogromnacht waren auch Thema der Tageszeitungen im November 1938. Foto: Stadt- und Kreisarchiv Düren

Leicht zu manipulieren

Vielen Leuten, ergänzt Wenning, sei es auch heute immer noch nicht bewusst, wie leicht Menschen zu manipulieren sind. „Für völlig ausgeschlossen halte ich es nicht, dass heute etwas Ähnliches passiert.“ Natürlich, ergänzt Bettina Jurowsky, würde man heute sehr leicht sagen, völlig anders zu handeln als die Ärzte und Pfleger von damals. „Aber was passiert denn, wenn die herrschenden Verhältnisse mir etwas abverlangen, was ich niederträchtig finde. Was im Dritten Reich passiert ist, hatte ganz viel auch mit Macht und Machtmissbrauch zu tun, das dürfen wir nicht vergessen.“

Die Ereignisse der Reichspogromnacht waren auch Thema der Tageszeitungen im November 1938. Foto: Stadt- und Kreisarchiv Düren

Die immer stärker aufkeimenden rechtspopulistischen Tendenzen in der Gesellschaft, Vorbehalte gegenüber Flüchtlingen und auch so schreckliche Ereignisse wie der Anschlag auf die Synagoge in Halle vor wenigen Wochen machen die jungen Leute nachdenklich. „Wir sind in Demokratie und Freiheit groß geworden“, sagt die 19-jährige Fabienne Wenning. „Auch die deutsche Teilung habe ich nicht selbst miterlebt. Aber Demokratie und Freiheit fallen eben nicht vom Himmel. Daran müssen wir arbeiten. Und im Augenblick habe ich schon Sorge, dass die Stimmung in unserem Land langfristig gesehen kippen kann. Man kann nicht vorhersagen, was kommt.“

Bei der Gedenkveranstaltung am Samstagabend tragen die Schüler Texte von Tätern und Opfern vor, also von Medizinern und Pflegern auf der einen und Patienten auf der anderen Seite. Außerdem kommen Anwohner der Einrichtung zu Wort, die damals ihre Augen vor den Geschehnissen verschlossen haben. Maren Kuckertz: „Wir lassen die Geschichte aufleben und hoffen, dass wir damit unsere Besucher heute Abend ein Stück wachrütteln.“