Düren: Fürs Kindeswohl: Feuerwehr des Dürener Jugendamtes greift ein

Düren: Fürs Kindeswohl: Feuerwehr des Dürener Jugendamtes greift ein

Kevin, Dennis und Yagmur: Es sind Vornamen, die die Schlagzeilen bestimmen. Dahinter stehen die Schicksale misshandelter und verstorbener Kinder. Im Laufe der Ermittlungen kommt meist Unvorstellbares ans Tageslicht. Und oft steht auch die Frage im Raum: Was hat das Jugendamt zum Schutz der Kinder unternommen?

Wurde Hinweisen nicht rechtzeitig nachgegangen?

Jennifer Vetter (l.) und Dorothée Pütz-Schleicherdt stellen das neue Konzept vor. Foto: sj

Beobachtungen, blaue Flecken, Verhaltensauffälligkeiten: Beinahe täglich gehen im Jugendamt der Stadt Düren Hinweise auf eine mögliche Kindeswohlgefährdung ein. „Wir gehen jedem Hinweis sorgfältig nach“, versichert Ansgar Kieven. Und das nicht erst, seitdem Fälle von Misshandlungen eine starke mediale Präsenz haben. Doch der Amtsleiter spricht von einem rechtlichen Spagat, den jedes Jugendamt meistern müsse. Zum einen gebe es das starke Recht der Eltern auf Erziehung, das diese auch ohne treffliche Gründe vor staatlichen Eingriffen schützt. Zum anderem haben Kinder eigene Rechte, beispielsweise das auf Unversehrtheit. „Als Behörde stehen wir immer zwischen den Stühlen“, sagt Kieven.

Befugnisse erweitert

Daher begrüßt er, dass der Gesetzgeber die Befugnisse und Möglichkeiten der Ämter erweitert hat. Beispielsweise wurde der Informationsaustausch zwischen Jugendämtern und anderen Behörden sowie Ärzten und Krankenhäusern vereinfacht, die Schwellen des Datenschutzes herabgesetzt. Die Eingriffsmöglichkeiten des Staates zum Wohl des Kindes wurden vergrößert. Auch das Jugendamt hat angesichts der erweiterten Befugnisse die internen Abläufe teilweise neu organisiert. Seit einem Vierteljahr gibt es die sogenannte „Tagesbereitschaft Kinderschutz“.

Zwei Mitarbeiter sind seitdem dafür abgestellt, sich sofort um eingehende Hinweise zu kümmern. „Wenn das Telefon klingelt, fährt jemand raus und geht den Hinweisen nach“, erklärt Teamleiterin Dorothée Pütz-Schleicherdt. Der Bereitschaft steht an sieben Tagen der Woche ein Dienstfahrzeug zur Verfügung. Während die Mitarbeiter im Außendienst sind, werden im Büro bereits alle verfügbaren Daten zusammengetragen. „Es gibt keine Bagatellen und keinen Ermessensspielraum mehr“, erklärt Kieven. Im Idealfall sei innerhalb von 15 Minuten der erste Kontakt hergestellt. „Das hat Feuerwehr-Charakter“, findet er.

Um möglichst früh Hinweise zu bekommen, setzt das Jugendamt neben Mitteilungen aus der Bevölkerung auf eine Zusammenarbeit mit vielen Partnern. Kindergärten, Schulen, Vereine, Horte, Krankenhäuser, Kinderärzte, Hebammen, Sozialamt, Polizei, Ordnungsamt und die unterschiedlichsten Träger der Jugendhilfe gehören zu diesem Netzwerk. Hinweise kämen mittlerweile auch sehr frühzeitig von Pädagogen und Ärzten. „Es kann sich im Zweifelsfall auch niemand mehr hinter den Datenschutz zurückziehen“, sagt Kieven. Per Gesetz bestehe mittlerweile auch für Berufsgruppen, die der Verschwiegenheit unterliegen, die Verpflichtung, Indizien zu melden.

Die Mitarbeiter der Tagesbereitschaft machen sich vor Ort ein Bild, versuchen, mit den Familien in Kontakt zu treten, suchen das Gespräch mit den Kitas und Schulen. „Wir versuchen auch, direkt einen Blick aufs Kind und das Lebensumfeld zu bekommen“, berichtet Abteilungsleiterin Jennifer Vetter. Aus vielen Puzzlestücken und Eindrücken entstehe so ein Bild, eine Einschätzung der Lage.

Unterstützungsangebote

In sieben von acht Fällen erweise sich der anfängliche Verdacht als haltlos. Hinter manchem anonymen Hinweis stecke auch schon einmal üble Nachrede oder eine Nachbarschaftsstreitigkeit. Doch etwa bei jedem vierten Hinweis bietet das Amt Eltern Hilfe und Unterstützungsangebote an.

„Das Kindeswohl ist in diesen Fall zwar nicht gefährdet, aber wir sehen, dass Eltern beispielsweise mit Pflege und Erziehung überfordert sind oder ihnen schlichtweg das notwendige Wissen fehlt“, berichtet Jennifer Vetter. Viele Eltern seien zudem selbst auf Hilfe angewiesen, beispielsweise bei einer Drogenabhängigkeit. „Oft sind die Menschen froh, wenn wir sie unterstützen möchten“, sagt Dorothée Pütz-Schleicherdt. Viele Angebote seien nicht bekannt. Manchmal müssten aber auch „mit Überzeugung die Konsequenzen aufgezeigt werden“, wenn es keine Bereitschaft zur Kooperation gebe. Das Jugendamt hat Mittel, um beispielsweise umgehend eine Unterbringung des Kindes in einem Heim oder in einer Pflegefamilie anzuordnen. „Jede Entscheidung ist eine ständige Abwägung“, bilanziert Ansgar Kieven.