Überzeugte Europäer: Für zwei Familien aus Langerwehe ist Europa ein Stück gelebte Realität

Überzeugte Europäer : Für zwei Familien aus Langerwehe ist Europa ein Stück gelebte Realität

Es klingt wie ein Stück gelebtes Europa: Die Ehefrau kommt aus Spanien, die Schwiegertochter aus Kroatien und die Familie des Schwiegersohns hat enge Beziehungen in die Niederlande. „Europa ist für uns absolut normal“, sagt Heinz Herten, 72 Jahre alt. „Immer, wenn unsere Familie sich trifft, ist das ein Stück gelebtes Europa.“

Dabei war es alles andere als normal, als Herten und sein Freund Kurt Gielgen (76) vor mehr als 50 Jahren ihre beiden spanischen Frauen Carmen Herten (73) und Mercedes Gielgen (76) kennen- und liebengelernt haben. Mercedes Gielgen ist am 9. August 1960, also vor ziemlich genau 59 Jahren, nach Deutschland gekommen – als eine der ersten spanischen Gastarbeiterinnen überhaupt. Damals war sie 17 Jahre alt, junge Krankenschwester und wollte in der Fremde Geld verdienen, um die verwitwete Mutter und die Geschwister zu Hause finanziell zu unterstützen. Auch Carmen Herten ist Krankenschwester. Sie hat damals von einem Einsatz in der Entwicklungshilfe geträumt und sollte eigentlich nur  sechs Monate in einem deutschen Krankenhaus arbeiten.

„Meine Mutter hat mich damals nur gehen lassen“, erinnert sich Mercedes Gielgen, „weil alles organisiert und weil die Caritas involviert war. Es war damals für ein junges Mädchen wie mich ein riesiger Schritt, nach Deutschland zu gehen. Das war fast wie eine Reise in eine andere Welt.“ Ohne ein Wort Deutsch zu sprechen, sei sie damals am Bahnhof in Düren angekommen. „Ich erinnere mich noch genau. Der 9. August 1960 war ein Dienstag. Und am Mittwoch, also eine Tag danach, hatte ich meinen ersten Arbeitstag im Krankenhaus. Das war wirklich nicht einfach.“

Dass sie genau wie Carmen Herten, deren Traum von der Entwicklungshilfe in Langerwehe geendet ist, in Deutschland ihren Ehemann finden und Kinder bekommen würde, hätte sie damals nicht gedacht. „Überhaupt nicht“, bekräftigt sie. „Ich hatte in Spanien einfach keine Möglichkeit, Geld zu verdienen. Es gab damals dort für Frauen keine Arbeit. Nur aus diesem Grund bin ich nach Deutschland gegangen.“

Beide Frauen erinnern sich an anfängliche Ablehnung, an das Gefühl, total fremd und auch ein Stück unerwünscht zu sein. „Das ist heute zum Glück nicht mehr so“, sagt Carmen Herten. „Man merkt schon, dass die Menschen sehr viel offener und freier leben. Das ist sicherlich auch eine Errungenschaft des Vereinigten Europas.“

Viel mehr als ein Stück auf der Landkarte: Für Heinz und Carmen Herten sowie Kurt und Mercedes Gielgen aus Langerwehe (kleines Bild von links) ist Europa ein Stück gelebte Realität. Foto: imago/Arnulf Hettrich/Arnulf Hettrich

Auch das Reisen in die alte Heimat war früher ungleich schwerer als heute. Kurt Gielgen: „Bis zum Heimatort meiner Frau sind es 1600 Kilometer. Dafür haben wir früher mit dem Zug 28 Stunden gebraucht. Was waren wir froh, als es später eine Fluglinie gab, und die Reise in sieben Stunden zu bewältigen war.“ Gielgen erinnert sich an Zollkontrollen, bei dem nicht selten der Serranoschinken für zu Hause von den Zollbeamten konfisziert wurde. „Das ist heute alles viel einfacher“, bekräftigt auch Heinz Herten. „Die Europäische Union ist wirklich ein Segen.“

Sehen das Freunde und Verwandte in Spanien auch so? „Es gibt viel Skepsis in Spanien“, sagt Mercedes Gielgen. „Vor allem nach der Finanzkrise, als viele meiner Landleute Europa dafür die Schuld gegeben haben.“ Noch immer sei die Jugendarbeitslosigkeit in Spanien ein Problem. „Vieles ist aber auch besser geworden“, ergänzt Mercedes Gielgen. „Es gibt wieder so etwas wie ein Wirtschaftswachstum. Und was ich sehr auffallend finde, ist, dass die Straßen und Plätze in spanischen Städten heute viel sauberer sind als in Deutschland. Das war früher umgekehrt.“

Die beiden Ehemänner genießen vor allem die spanische Küche, die ihre Frauen mitgebracht hat. „Paprika zum Beispiel“, sagt Heinz Herten. „Das kannten wir früher überhaupt nicht.“ Grundsätzlich, ergänzt Kurt Gielgen, sei vor allem die Mentalität der Spanier und Deutschen sehr unterschiedlich. „Der Spanier als solcher ist ein sehr zufriedener Mensch. Das hat mir immer sehr gefallen.“

Für die insgesamt fünf Gielgen- und Herten-Sprösslinge ist Europa noch einmal ein Stück normaler als für ihre Eltern, die sich auch als eingefleischte Europäer verstehen. Heinz Herten: „Unsere Kinder sprechen alle sehr gut Spanisch und sind alle mit Europa, und eben auch mit Eltern aus zwei Nationen aufgewachsen. Für sie ist Europa absolut selbstverständlich.“ Klar, dass auch die Eltern kein Problem damit hatten, als der Sohn von Carmen und Heinz Herten eine Frau mit kroatischen Wurzeln geheiratet hat, und Peter Gielgen, der älteste der drei Gielgen-Söhne, eine Italienerin.

„Wenn es mehr Europa in den Familien gäbe“, ist Heinz Herten überzeugt, „wäre die Akzeptanz noch viel größer. Sicher ist nicht alles gut, was derzeit in Europa passiert. Aber die Vorteile überwiegen deutlich. Wir leben seit mehr 70 Jahren in Frieden. Das sollten wir uns immer wieder vor Augen führen.“

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