Düren: Früher verfolgt, heute sicher: Lesung mit Schriftsteller Galal Al-Ahmadi

Düren : Früher verfolgt, heute sicher: Lesung mit Schriftsteller Galal Al-Ahmadi

Im September 2016 ist einer der berühmtesten Dichter des Jemen, Galal Al-Ahmadi, nach Kreuzau-Langenbroich gezogen und kaum jemand hat es gemerkt. Die 120 Einwohner sind es gewohnt, häufig wechselnde Gesichter aus fremden Ländern zu sehen.

Denn in dem Kreuzauer Ortsteil steht das Heinrich-Böll-Haus. Dort können internationale Künstler für einige Monate unterkommen. Genauer gesagt waren es bisher mehr als 200 Menschen aus 45 verschiedenen Nationen, die hier einen Rückzugsort und Schutz vor politischer Verfolgung gefunden haben. Damit die Anwohner und Interessierte sich ein Bild von den Künstlern im Böll-Haus und den dort entstandenen Arbeiten machen können, organisiert Geschäftsführer Stefan Knodel eine Lesung. Denn: „Die Künstler wollen den Bürgern etwas zurückgeben“, sagt Knodel.

Betreut als Geschäftsführer die Stipendiaten im Heinrich-Böll-Haus: Stefan Knodel. Foto: Annika Thee

Am Dienstag, 15. Mai, werden Galal Al-Ahmadi und seine Partnerin Noor Kanj einige ihrer Gedichte vortragen. Anlass ist ein „arabischer Abend“, der von dem Verein Heinrich-Böll-Haus Langenbroich und dem städtischen Kulturbetrieb Düren in der Stadtbücherei veranstaltet wird. Außerdem werden noch zwei weitere ehemalige Stipendiaten und Bewohner aus dem Heinrich-Böll-Haus lesen: der syrische Schriftsteller und Journalist Ahmed Kathlish und der irakische Schriftsteller Omar Al Jaffal. Von allen Texten liegen für die Zuhörer deutsche Übersetzungen bereit. Stefan Weidner, Islamwissenschaftler, Schriftsteller und Übersetzer, wird die für Besucher kostenlose Veranstaltung mit anschließender Diskussionsrunde moderieren.

Stefan Knodel freut sich darüber, dass diese Künstler allesamt in Düren ansässig geworden sind. „Sie bereichern unsere Region. Wer hat schon so viele berühmte Schriftsteller?“, sagt er. „Wir sind eine kleine Einrichtung, aber trotzdem sind wir international von Bedeutung“, fügt er stolz hinzu.

Umstellung für die Künstler

In autoritären Staaten wie dem Jemen, Syrien oder Saudi-Arabien leben regimekritische Künstler und Schriftsteller in ständiger Gefahr. Das Leben in Langenbroich ist für sie erstmal eine große Umstellung, aber hier können sie in Ruhe ihrer künstlerischen Tätigkeit nachgehen. Unter den ehemaligen Bewohnern sind einige berühmte Namen, wie Swetlana Alexijewitsch, die später für das Werk, das in Langenbroich entstand, den Literaturnobelpreis gewann.

Jeweils vier Künstler können in dem Haus für vier bis maximal zwölf Monate leben und arbeiten. „Wir haben nur begrenzte Kapazitäten und wir können leider nicht alle Schriftsteller der Welt retten“, sagt Stefan Knodel, Geschäftsführer des Heinrich-Böll-Haus. Daher sind die Ansprüche, die an die zukünftigen Stipendiaten gestellt werden, hoch. „An erster Stelle steht die Qualität der Arbeit, erst dann folgt das Kriterium der politischen oder wirtschaftlichen Not der Stipendiaten“, sagt Knodel. Doch die beiden Kriterien schließen sich keinesfalls aus. „Wo die Not am größten ist, da ist die Qualität am höchsten“, sagt er.

Dichter aus dem Jemen

Das zeigt sich auch in den Werken von Galal Al-Ahmadi. Der Dichter hat es als Stipendiat nach Deutschland geschafft. Geboren wurde er 1987 in Saudi-Arabien, aufgewachsen ist er im Jemen. Auch in Jordanien und im Libanon hat Al-Ahmadi als Schriftsteller und Journalist gearbeitet. Seine Gedichte handeln von Flucht und Krieg. Weil er damit in der arabischen Welt berühmt wurde und einige Preise erhielt, fiel er als regierungskritisch auf und wurde verfolgt und vertrieben. Im Mittleren Osten zu arbeiten, war für ihn nicht mehr möglich. Dank eines Stipendiums konnte er nach Düren reisen und im Heinrich-Böll-Haus unterkommen. Doch er reiste nicht allein. Im Libanon lernte der Schriftsteller Noor Kanj kennen. Sie war ohne ihre Familie aus Syrien geflüchtet und arbeitete ebenfalls als Schriftstellerin. Zusammen mit ihrer Tochter, die in Deutschland zur Welt kam, sind die beiden in Düren geblieben. Ihr Antrag auf politisches Asyl wurde 2017 für eine Dauer von drei Jahren bewilligt. Inzwischen besucht Al-Ahmadi einen Deutschkurs, allerdings dichtet er noch immer auf arabisch — seiner Muttersprache. Publiziert werden die Werke nur noch auf Deutsch. „Ich liebe diese Sprache“, sagt der Dichter. Seine sonst so traurig blickenden Augen leuchten auf. Sein Ziel: „Ich will die Sprache perfekt beherrschen“. Bis es soweit ist, helfen ihm Übersetzer bei seiner Arbeit. siehe Kultur Seite 11