Friedrich Merz in Düren: scharfsinnig und staatstragend

Scharfsinnig und staatstragend : Großes Interesse am Stadtgespräch mit Friedrich Merz

Der CDU-Politiker Friedrich Merz war bei den sechsten Dürener Stadtgesprächen dabei. Von der Angriffslust des Merkel-Kritikers gab es dabei aber nicht mehr viel zu spüren. Vielmehr ging es bei dem Termin um die Niedrigzinspolitik.

Von der Angriffslust, die Friedrich Merz noch vor einer guten Woche mit Zielrichtung Bundeskanzlerin und -regierung offen erkennen ließ, war am Dienstagabend in der Birkesdorfer Festhalle nichts mehr zu spüren. Der Rechtsanwalt und frühere Unionsfraktionschef im Bundestag war neben Fondsmanager Bert Flossbach Interviewpartner von Ulrich Stockheim beim sechsten Dürener Stadtgespräch, das sich in der Hauptsache der Niedrigzinspolitik widmete. Das Duo lockte Besucher in Scharen. In der Halle war kein Sitzplatz mehr frei, im Umfeld kein Parkplatz zu bekommen. Merz präsentierte sich gewohnt scharfsinnig und an diesem Abend auch staatstragend. Der sonst gern austeilende Sauerländer hielt mit Verständnis für Positionen der SPD und Sympathien für schwarz-grüne Politikinhalte nicht hinter dem Berg.

Das wurde am Ende des Stadtgesprächs deutlich, als der 63-Jährige für die deutsche Politik eine Langfristperspektive forderte, „eine Agenda 2030“, die sich nicht dem Wahlturnus von vier Jahren unterordnet. Auf diese Weise will der Politiker Friedrich Merz den Entscheidungen entgegentreten, die mitunter kurzatmig, zu kurz gedacht und unter dem Einfluss des nächsten Urnengangs getroffen würden. Und er fasste die politischen Trends und Sorgen der Gegenwart in dieser Form zusammen: „Wir müssen zeigen, dass besserer Umweltschutz und eine bessere Wirtschaftspolitik gehen!“ Applaus von sicher gut 500 Gästen in Birkesdorf.

Zuvor hatten Bert Flossbach und Merz die vielschichtigen Folgen der Niedrigzinspolitik aufgezeigt, die der frühere Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi, noch im September für zwei Jahre festgezurrt habe. Damit stelle die EZB aus Sicht von Merz ihre bis dahin feststellbare Unabhängigkeit selbst in Frage. Flossbach pflichtete dem bei: Die Politik mit Negativzinsen, dem Ankauf von Staatsanleihen und dem Tolerieren einer Inflationsrate von zwei und mehr Prozentpunkten führe zu einer langfristigen Enteignung von Sparvermögen. Hintergrund dieses Handelns sei es, einige europäische Staatshaushalte vor dem Kollaps zu bewahren.

Moderator Ulrich Stockheim (l.) band auch die gut 500 Gäste in der Birkesdorfer Festhalle ein, die den Experten Fragen stellten. Foto: ZVA/Volker Uerlings

Ein daraus resultierendes Problem geben die Banken künftig an ihre Kunden ab einer bestimmten Einlagenhöhe weiter: Strafzinsen. Sie sorgen aktuell dafür, dass die Geldhäuser in Europa acht Milliarden Euro jährlich an die EZB überweisen, während die Kreditinstitute in den USA beispielsweise 60 Milliarden Euro von der US-Zentralbank erhalten. Damit falle auch eine Entscheidung im internationalen Wettbewerb, in dem die Banken Europas nur verlieren können.

Auf die Frage von Moderator Ulrich Stockheim, Vorsitzender des Vereins Stadtgespräch, wie denn die auf Sicherheit konzentrierten deutschen Anleger reagieren sollten, gab es für Flossbach und Merz nur eine Antwort: langfristig auf dem Aktien- und Fondsmarkt investieren. Das wiederum habe hierzulande keine wirkliche Kultur. Flossbach: „Das ist ein ideologisches Problem für viele. Wenn sie Aktien oder Fonds nur in den Mund nehmen, werden sie gleich in eine Ecke gestellt.“ Daran führt nach dem Verständnis des erfolgreichen Vermögensverwalters aber kein Weg vorbei. „Die fehlende Investmentstruktur ist ein deutsches Problem bis in die Konzerne hinein.“

Friedrich Merz sieht vor allem für junge Menschen, die langfristig die Leidtragenden der Zinspolitik seien, nur eine Alternative: „Vom ersten Tag an einen kleinen Teil des Einkommens auf dem Kapitalmarkt einsetzen.“ Das rät er auch Eltern und Großeltern, die ihre Kinder und Enkel absichern wollen. Selbst unter Berücksichtigung von Kurseinbrüchen gebe es seit sicher 60 Jahren eine Rendite von „sechs bis sieben Prozent, egal welchen Zehn-Jahres-Zeitraum Sie betrachten“.

Bert Flossbach und Friedrich Merz wurden in Birkesdorf sehr freundlich verabschiedet, weil sie ihr Wissen geteilt und auf Honorare verzichtet haben. Die Eintrittsspenden verwendet der Verein Stadtgespräch zur Finanzierung von Sprachprojekten für Menschen mit Talent oder Förderbedarf.

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