Nideggen: Freiheit statt Sicherheit: Karl Hackstein passt in keine Schublade

Nideggen: Freiheit statt Sicherheit: Karl Hackstein passt in keine Schublade

Wer in diesen Tagen das Hotel Ratskeller, eines der ältesten, nahezu im Urzustand erhaltenen Bauwerke der kleinen Herzogstadt auf dem Nideggener Marktplatz besucht, wird beim Eintreten unmittelbar hinter der Pendeltür ins Stocken kommen.

An der Wand unmittelbar über dem Abgang zum Keller entsteht ein Gemälde von zwei Metern Breite und anderthalb Metern Höhe. Mittig im Bild zu erkennen das Hotel Ratskeller, flankiert von zwei Nideggener Wahrzeichen, dem Dürener Tor und der Burg.

Auf und vor dem Gerüst wuselt Maler Karl Hackstein, jongliert mit Wasserwaage und Pinsel, berechnet den exakten Maßstab, achtet akribisch auf die Perspektive der einzelnen Gebäude. „Die Kunst bei großen Flächen ist“, erklärt Hackstein, „dass man das Ganze nicht aus dem Blick verliert.“ Die Freiheit zur eigenen künstlerischen Gestaltung komme bei solchen Auftragsarbeiten nicht zu kurz, fährt der Maler fort, sein persönlicher Stil sei immer noch zu erkennen.

Das freie Malen, da wo er seine Ideen und Gefühle ausleben kann, bleibe natürlich seine Hauptarbeit. Bei der Arbeit zurzeit im Ratskeller komme ihm sein erster Beruf — Lehrer — sehr gelegen. Zum einen müsse er dauernd und exakt messen und Maßstäbe berechnen, zum andern habe er ja als Lehrer gelernt, wie man eine erfolgreiche Kommunikation gestaltet. In seinem jetzigen Job laufen diese Kommunikationsstränge zwischen Auftraggeber, in diesem Fall dem Betreiber des Ratskellers Pradeep Bala, den Gegebenheiten vor Ort und den eigenen Vorstellungen, wie dieses große Gemälde schließlich aussehen soll.

Karl Hackstein aus Untermaubach-Bilstein unterrichtete zwölf Jahre, von 1983 bis 1996 an verschiedenen Schulen Sport und Gesellschaftslehre, zuletzt an einer Gesamtschule in Wuppertal. Kunst war nie das Fach Hacksteins. „Der Drang zum Malen und der Wunsch, kreativ zu arbeiten“, erinnert er sich, „nahmen jedoch von Jahr zu Jahr zu.“

Nach intensiven Überlegungen — auch mit seiner Familie — wurde Karl Hackstein Maler. Schon immer sei diese Sehnsucht, erklärt er, unterschwellig vorhanden gewesen, doch es gehöre schon großer Mut dazu, vom Beamtentum ins freie Künstlertum zu wechseln. Nach seinem Abschied aus dem Lehrerberuf konnte Karl Hackstein auf den „Spuren von Vincent van Gogh“, den er neben anderen Maler-Koryphäen sehr verehrt, mit Farbe und gutem Willen in die Welt der Leinwände und Farben eintauchen.

Seminare und ähnliche Bildungsangebote nahm Hackstein nicht nie wahr. Heute, nach gut 20 Jahren, ist er stolz, es als Autodidakt geschafft zu haben.

Zahlreiche eigene Ausstellungen, das Kuratieren fremder Bilderschauen und die zahlreichen Auftragsarbeiten zeigen eine große Palette künstlerischen Schaffens. Die Entscheidung vor zwei Jahrzehnten, den Beruf zu wechseln, Sicherheit gegen ein großes Maß persönlicher Freiheit zu tauschen, würde Karl Hackstein wieder fällen. „Ich habe mich ein Stück selbstverwirklicht und eigene Träume realisiert“, sinniert der Maler, der mit zunehmendem Alter eine wohltuende Entschleunigung bei sich feststellt.

Bei der Frage nach seinem künstlerischen Stil schüttelt er den Kopf. „Ich möchte neugierig bleiben und weiter experimentieren“, wagt er einen Blick in die Zukunft: „Ich passe in keine epochale Schublade.“

Auftraggeber Pradeep Bala steht derweil bewundernd vor dem noch unfertigen Gemälde des Künstlers. „Ich bin stolz darauf“, sagt er, „dass ich mit diesem Gemälde der Stadt Nideggen, den Einwohnern und den Touristen ein eindrucksvolles Kunstwerk schenken kann.“

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