Fall um die mutmaßliche Drogenhändler-Bande aus Norddüren

Beweislage instabil : Telefonüberwachung doch kein „Sechser im Lotto“

Je weiter der Prozess voranschreitet, desto instabiler scheint die Beweislage zu werden. Diesen Eindruck konnte man im Fall um die mutmaßliche Drogenhändler-Bande aus Norddüren beim Verhandlungstag am Donnerstag am Aachener Landgericht gewinnen.

Bereits zuvor mussten zwei der drei sich bisher in Untersuchungshaft befindlichen Angeklagten auf Antrag der Verteidigung entlassen werden. Neben zwei weiteren Polizeibeamten war diesmal der Leiter der „Ermittlungsgruppe Weiß“ als Zeuge geladen worden. Diese ermittelte in dem Fall der fünf Beschuldigten, seit sich im Laufe des Jahres 2017 immer mehr Hinweise ergeben, dass der Hauptangeklagte Ardian C. im Dürener Norden mit Kokain handeln könnte.

„Viele der in diesem Zusammenhang befragten Zeugen haben bei den Vernehmungen regelrechte Lebensbeichten abgelegt, das war schon ungewöhnlich“, erklärte der Beamte. Das ist insofern bemerkenswert, weil fast alle Zeugen gleichzeitig selbst Angeklagte in anderen Fällen sind: Sie sollen mit Diebstählen, Einbrüchen und Hehlerei das Kokain finanziert haben, das sie dann von Ardian C. gekauft haben sollen.

Diese Aussagen und die polizeilichen Vernehmungen greift die Verteidigung seit Prozessbeginn zuverlässig an – und trifft mitunter wunde Punkte. So hätten einzelne Zeugen noch unter Drogeneinfluss ausgesagt, seien teilweise unzureichend über ihre Rechte belehrt worden und hätten sich ohne ersichtlichen Grund selbst belastet. Nur wenig davon konnten die Beamten gerichtsfest begründen oder widerlegen.

Es wird immer deutlicher, dass die Aussagen der selbst drogenabhängigen Zeugen vor Gericht nicht das Gewicht haben dürften, das sich die Ermittler erhofft hatten. Auch die Ergebnisse aus der umfangreichen Telefonüberwachung, die Oberstaatsanwältin Katja Schlenkermann-Pitts vor Prozessbeginn als „Sechser im Lotto“ bezeichnet hatte, haben offenbar nicht die erhoffte Substanz. Der Ermittlungsleiter räumte am Donnerstag ein, es hätten sich daraus nur „Vermutungen und Spekulationen“ ergeben, aber keine belastbaren Beweise. Die aufgezeichneten Gespräche seien „sehr konspirativ“ gewesen, und es sei nie direkt von Kokain die Rede gewesen, sondern etwa von „Kleister“ oder „Kaffee“.

Dass die zahllosen Zeugenvernehmungen und Observationen schon fast ein Jahr zurückliegen, macht es der Kammer um den Vorsitzenden Richter Markus Vogt nicht leichter, die Sachlage zu klären. Oft können sich die Beamten an genaue Umstände oder Fragestellungen nicht mehr erinnern, was bei der Vielzahl von Ermittlungen auch verständlich sei, sagte der Richter. Der Prozess wird am 12. November fortgeführt.

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