Düren: Europäische Weihnachten: Von Mandelgeschenken und zwölf Gängen

Düren: Europäische Weihnachten: Von Mandelgeschenken und zwölf Gängen

Kartoffelsalat mit Würstchen als Festmahl am Heiligen Abend? Elisabeth Bledowski schüttelt leicht entrüstet den Kopf. Das bei vielen Deutschen traditionelle Weihnachtsgericht käme bei der gebürtigen Polin, die vor 25 Jahren mit ihren Kindern zu ihrem Mann Alexander nach Düren kam, nicht auf den Tisch.

Stattdessen stehen die Niederauerin und ihre Freundin Elisabeth Pawlik schon Tage vorher in der Küche, denn an Wigilia — so heißt der Heiligabend in Polen — gehören zwölf Gänge auf den Tisch, so ist es Brauch. Unter anderem werden Hefezopf mit Honig, Rote-Beete-Suppe, Hering und Karpfen serviert.

„Wesolych Swiat“ wünschen sich Elisabeth Bledowski aus Polen und ihre Familie. Foto: Handschuhmacher

„Wichtig ist, dass das Essen fleischlos ist“, sagt Elisabeth Pawlik. „Weil Jesus an diesem Tag arm geboren wurde, verzichten wir auf Fleisch.“ Hungrig genug, um zwölf Gänge zu verdrücken, sind die Polen an Heiligabend aber allemal, denn den Advent über wird gefastet — bis zum Festessen an Wigilia.

Bei der griechischen Familie Deligiannidis heißt es: „Kala Xristougenna“. Foto: Handschuhmacher

Heu unter der Tischdecke

„Perfekt, um in Weihnachtsstimmung zu kommen“: Peter Lyck Hansen mag die Weihnachtsmärkte, vermisst aber das dänische Weihnachtsbier. Foto: Hanschuhmacher

Heute packt Elisabeth Bledowski das gute Weihnachtsgeschirr aus und legt in der Mitte des Tischs Heu unter die Decke — als Erinnerung an Jesus, der in einem Stall zur Welt kam. Auch ein zusätzliches Gedeck für unerwartete Gäste gehört auf den Tisch.

Los geht die Feier traditionell, wenn der erste Stern am Himmel steht. Ungeduldig lugen die Enkel der Familie Bledowski dann aus dem Fenster, um den ersten Stern zu erblicken. „Wir hoffen immer, dass kein Nebel ist“, sagt die gebürtige Polin lachend. Vor dem Essen wird gebetet und die weißen Weihnachtsoblaten — mit Bildern der heiligen Familie — werden gebrochen. „Nach Essen, Singen und Bescherung gehen wir zur ‚Pasterka‘, der Mitternachtsmesse“, erzählt Elisabeth Pawlik. Und danach? „Dann wird weitergefeiert und Fleisch kommt nach Mitternacht auch auf den Tisch.“

An Heiligabend eine ganze Mandel im Essen zu finden, hat sich Peter Lyck Hansen als kleiner Junge immer gewünscht. „Milchreis mit gehackten Mandeln ist unser traditioneller Weihnachtsnachtisch“, erzählt der Däne, der seit diesem Jahr bei Evivo Volleyball spielt. „Derjenige, der die einzige ganze Mandel findet, kriegt das Mandelgeschenk“, erzählt Hansen. „Ich hatte dabei nie Glück, aber ich glaube, meine Schwester hat mir einmal die Mandel in den Schoß gespuckt“, sagt der 27-Jährige und lacht.

Nach dem Essen — meist gibt es Braten und Rotkohl — kommt Bewegung in den dänischen Juleaften. Der Tannenbaum wird in die Mitte des Raumes gerückt und die Familienmitglieder tanzen Hand in Hand und Weihnachtslieder singend um den Baum. „Das kann nur zehn Minuten dauern, wir haben aber auch schon einmal eine Stunde um den Baum getanzt“, sagt Hansen. Fernab von seiner Heimat vermisst er das traditionelle Weihnachtsbier. „Jede Brauerei in Dänemark stellt immer am 4. Dezember ihr neues Weihnachtsbier vor. Dann ist auf den Straßen viel los“, erzählt der Däne. Und was gefällt ihm von den deutschen Weihnachtstraditionen? „Ich liebe Weihnachtsmärkte. Sie sind perfekt, um in Weihnachtsstimmung zu kommen.“

Über 2000 Kilometer südöstlich von Düren ist die Heimat von Familie Deligiannidis. Die griechische Weihnachtszeit zählt wohl zu den längsten in Europa. „Am 15. November beginnt für uns die Fastenzeit“, erzählt Tochter Maria. Den 24. Dezember begeht die griechische Familie, die seit Jahren in Untermaubach lebt, eher ruhig. Abends geht es in die griechisch-orthodoxe Messe in einer Kirche in Norddüren. Am 1. Weihnachtstag gibt es dann die ersten kleinen Geschenke und eine große Feier mit 40 Gästen im Restaurant der Familie.

„Spanferkel, Salate, Zaziki und ein selbst gemachter Wein kommen dann auf den Tisch“, erzählt Familienoberhaupt Ioannis Deligiannidis. „Bei uns gibt es an Weihnachten richtig Action. Ich spiele auf meiner Buzuki und viele Leute aus dem Dorf kommen und wollen mit uns feiern.“ Doch damit ist das Feiern noch nicht erledigt. „Am 1. Januar feiern wir Ephiphania, die Erscheinung des Herrn. Dann gibt es die größeren Geschenke und wir schneiden den Neujahrskuchen Basilopita an“, erzählt Maria. „Darin ist ein Geldstück eingebacken, wer es findet, wird viel Glück haben.“

Und wie feiern unsere direkten Nachbarn, die Niederländer, Weihnachten? „Bei uns wird der Nikolaustag Sinterklaas größer gefeiert als das Weihnachtsfest“, sagt Physiotherapeutin Peggy Hendrix, die in Maastricht geboren wurde. Der Legende nach komme der Nikolaus Anfang November mit seinem Stoomboot aus Spanien und besucht jede niederländische Stadt. „Die Kinder stellen am 5. Dezember ihre Stiefel raus und dazu einen Eimer Wasser und eine Karotte für das Pferd vom Nikolaus“, erzählt die 47-Jährige. Die Eltern müssten natürlich am nächsten Tag dafür sorgen, dass die Karotte und der Eimer weg sind.

Und was passiert am 24. Dezember? „Auch dann wird in den Niederlanden gefeiert, aber eher mit kleineren Geschenken“, erzählt Peggy Hendrix. „Wir haben uns aber den deutschen Bräuchen angepasst. Meine Kinder Chiara, Lars und Ingmar bekommen ihre Hauptgeschenke an Heiligabend.“

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