Zwei Dürener Unternehmer: Europa ist viel mehr als Bürokratie und Bananen

Zwei Dürener Unternehmer : Europa ist viel mehr als Bürokratie und Bananen

Europa ist für Dr. Stephan Kufferath vor allem „das größte Friedensprojekt“ überhaupt. „Für mich“, sagt der Unternehmer aus Mariaweiler, „ist die Europäische Union das Projekt der Völkerverständigung schlechthin. Das dürfen wir nie vergessen.“

Am 26. Mai wählt die Europäische Union ein neues Parlament. Grund genug für unsere Zeitung, im Rahmen einer Serie einmal der Frage auf den Grund zu gehen, welche Rolle Europa und die Europäische Union für Stadt und Kreis Düren spielen – zum Beispiel für Unternehmer und Wirtschaft.

Zwei, die fast in der gesamten EU unterwegs sind, sind Stephan Kufferath von der Firma GKD in Mariaweiler mit mehr als 800 Beschäftigten weltweit (rund 450 davon am Standort Mariweiler) und Hans Helmuth Schmidt, Vorsitzender der Vereinigten Industrieverbände für Düren, Jülich und Euskirchen, und geschäftsführender Gesellschafter der Dürener CWS-Unternehmensgruppe – einem Unternehmen mit 400 Mitarbeitern und Standorten in den USA, Polen und Dänemark. „Unsere Generation und vor allem unsere Kinder sind mit Europa groß geworden. Die EU ist zu einer positiven Selbstverständlichkeit geworden. Aber die drohenden Veränderungen sind mittlerweile mehr als greifbar,“ bewertet er die Situation.

Brexit, eine Stärkung rechter Kräfte und nur wenig Bereitschaft der Bürger, am 26. Mai wählen zu gehen, diese Kombination macht den Geschäftsmännern Sorgen. Kufferath: „Das Positive von Europa wird von den Menschen viel zu wenig wahrgenommen. Ich werbe auf unserer nächsten Betriebsversammlung ausdrücklich dafür, zur Europawahl gehen. Den Bürgern geht es dank der EU insgesamt besser. Oder um noch deutlicher zu werden: Die Europäische Union ist ganz entscheidend für unseren Wohlstand verantwortlich.“

Dr. Stephan Kufferath. Foto: ZVA/Sandra Kinkel

Kufferaths Firma GKD ist nahezu überall in Europa unterwegs, vor allem aber in Frankreich, Spanien, Italien und Skandinavien. „Der direkte Export in europäische Nachbarländer macht 25 Prozent unseres Umsatzes aus“, sagt er. „Aber in Wahrheit ist unser Export noch viel höher, weil wir in der Regel Teile einer Maschine produzieren, die dann über Umwege in EU-Ländern landen.“

Deutschland ist wirtschaftlich der größte Profiteur von der Europäischen Union, davon ist Kufferath überzeugt. Der Dürener sieht auch für die Menschen viele Vorteile: „Keine Roaming-Gebühren mehr, eine unproblematische Arbeitsplatzsuche auch jenseits der Grenze oder die Tatsache, dass man auf dem Dürener Wochenmarkt Tomaten aus Italien und Artischocken aus der Bretagne kaufen kann, machen das Leben angenehmer. Die Menschen nehmen die EU aber nur als riesigen, sperrigen Bürokratieapparat in Brüssel wahr, der ihnen eine Datenschutzgrundverordnung aufstülpt oder sich mit krummen Bananen beschäftigt. Das stimmt aber nicht.“

Nachvollziehbarere Politik

Europa, ergänzt Schmidt, brauche eine nachvollziehbarere Politik. „Es kann nur eine Stärkung der EU geben“, sagt er, „wenn die Menschen nicht mehr das Gefühl haben, dass die Politiker keine klaren Entscheidungen treffen, wenn sie nicht mehr das Gefühl haben, dass politische Entscheidungen der EU völlig an ihrer Lebenswirklichkeit vorbeigehen.“

Stephan Kufferath kann sich nach der Wahl drei grundsätzliche Szenarien vorstellen: „Entweder Europa fliegt uns um die Ohren, weil die rechten Parteien stark zulegen und plötzlich Leute im Parlament sitzen, die Europa eigentlich abschaffen wollen. Oder alles bleibt, wie es ist, und wir behalten die süße Säuselbrause, wie wir sie jetzt haben. Ideal wären eine hohe Wahlbeteiligung, ein reformbereites Parlament, das wirklich zu Veränderungen bereit wäre.“

Schmidt sieht in einem möglichen Rechtsruck nur „eine temporäre Entwicklung, die bald wieder verschwindet.“ Und: „Ich glaube, dass eine Stärkung rechter Parteien eher dazu führen wird, die Menschen wachzurütteln, sich endlich einzubringen.“ Beiden Unternehmern macht der drohende Brexit große Sorgen. Beide haben Kunden in Großbritannien.

Hans Helmuth Schmidt. Foto: ZVA/Jörg Abels

GKD hatte im Vereinigten Königreich in York bis vor 18 Monaten eine eigene Produktionsstätte mit rund 25 Mitarbeitern. „Wir haben das Werk wegen des Brexits geschlossen und arbeiten jetzt im Vertrieb mit einer schwedischen Firma zusammen. Wir können Großbritannien auch von Düren aus bedienen. Es war wichtig, unsere Fixkosten in Großbritannien soweit wie möglich abzubauen.“

Kufferath und Schmidt glauben, dass der Brexit kommt, weil ein zweites Referendum politisch nicht durchzusetzen sei. „Das ist eine Mentalitätsfrage“, sagt Schmidt. „Der Rheinländer zitiert Adenauer und sagt: ‚Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?’, und die Engländer stehen – auch wenn sie es mittlerweile besser wissen – zur einmal getroffenen Entscheidung.“ Nach einem Brexit müsse er sich innerhalb des Unternehmens organisatorisch auf die neue Situation einstellen. „Wir haben sehr wichtige Kunden in England. Ich glaube nicht, dass sich an unseren Beziehungen etwas ändern wird. Aber die Wege zueinander werden viel länger und komplizierter.“

Das sieht Kufferath ähnlich: „Die Europäische Union hat schon neue Zollbeamte eingestellt, um auf den harten Brexit vorbereitet zu sein. Es wird alles sehr viel bürokratischer. Und eine stundengenaue Lieferung, wie sie zum Beispiel in der Lebensmittelbranche mittlerweile Standard ist, wird nach Großbritannien nicht mehr möglich sein.“

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