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Die Zeit der Ruinen ist laut RWE bald vorbei: „Es darf nur ein Morschenich bleiben“

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Die Einigung beim Kohleausstieg hat weitreichende und mitunter diffuse Folgen im Kreis Düren. Die Gebäude in Alt-Morschenich werden verschwinden, weil RWE mit dem Erdreich den Hambacher Forst stützen will.

Der Vorstandschef Rolf Martin Schmitz erklärte am Donnerstag, dass sein Unternehmen davon ausgeht, dass die Altorte nicht erhalten werden können: „Die Dörfer sind ja weitgehend von den Einwohnern verlassen, bis auf ganz wenige. Sie sind in einem Zustand, dass man dort auch nicht unbedingt leben will. Ferner müssen wir ja jetzt durch die Umplanung des gesamten Tagebaus Hambach Erdmassen von hinter dem Wald nutzen, um die Rekultivierung und die entsprechenden Böschungen herstellen zu können. Insofern gehen wir davon aus, dass diese Dörfer weiterhin abgebaggert werden.“

Gänzlich verlassen ist Alt-Morschenich jedoch nicht. Einer der wenigen Alt-Morschenicher, die noch im Ort wohnen, ist Rudi Pick. Zwar hat auch der Rentner sein Haus längst an RWE Power verkauft und müsste Mitte des Jahres ausziehen. Am liebsten aber würde er bleiben, wenn er das Anwesen zu einem vertretbaren Preis zurückkaufen könnte. „Ich fühle mich hier nach wie vor wohl“, betont Pick, der noch von einigen wenigen anderen weiß, die ihr Haus noch nicht an RWE verkauft haben und bleiben wollen. „Es wäre eine Schande, wenn alle Gebäude abgerissen würden“, sagt Pick. Dass sich Umsiedler dagegen wehren, kann er nicht nachvollziehen. „Sie sind doch alle gut entschädigt worden.“

Pick ist auch Vorsitzender des örtlichen Ultraleicht-Aero-Clubs Morschenich, der zwischen dem Alt-Ort und dem Camp der Klimaaktivisten am Waldrand einen Natur-Flugplatz betreibt. „Wir haben schon vor Monaten den Antrag gestellt, hier bleiben zu dürfen, warten aber immer noch auf Antwort von RWE Power.“

Lilo Hansen wäre es am liebsten, wenn die Altgebäude eingeebnet würden. Bürgermeister Georg Gelhausen (CDU) konnte sich eine Entwicklung von Alt-Morschenich zum „Ort der Zukunft“ vorstellen, wenn er erhalten bleibt. Foto: ZVA/Anne Welkener

Es hat den Anschein, dass Rudi Pick nicht die Mehrheit der alten und neuen Morschenicher repräsentiert. Ortsvorsteher Michael Dohmes blickt mit gemischten Gefühlen auf die Ergebnisse der vergangenen Nacht. „Es ist nur schwer zu akzeptieren, dass die ganze ehrenamtliche Arbeit im Umsiedlungsprozess in den vergangenen zehn Jahren eigentlich gar nicht nötig gewesen wäre“, gesteht der CDU-Politiker, dass er in den vergangenen Monaten schon die eine oder andere schlaflose Nacht hatte. Umso wichtiger sei daher, dass jetzt endlich mit der Planung begonnen wird, wie es mit dem Alt-Ort weitergehen soll, schließlich sei seit den Beschlüssen der Kohlekommission ein Jahr vergangen, in dem „wir zusehen mussten, wie unsere alte Heimat immer mehr verfällt. Mittlerweile sieht es im Alt-Ort sehr schlimm aus. Es macht wirklich keine Freude mehr, dorthin zu fahren.“

Deshalb müsse die Umsiedlung aus seiner Sicht jetzt auch so schnell wie möglich abgeschlossen werden. Und dazu gehöre auch, dass die Gebäude im alten Ort abgerissen werden. „Für uns gibt es kein Zurück mehr“, betont Dohmes. „Zum einen kann ich mir gar nicht vorstellen, dass die abrissreifen Häuser noch einmal so hergerichtet werden könnten, dass sie bewohnt werden könnten.“ Zum anderen wäre dies auch für viele Umsiedler eine emotional sehr schwierige Situation, ist er überzeugt. „Es darf am Ende nur noch ein Morschenich geben. Am alten Standort muss etwas komplett Neues entstehen, etwas Nachhaltiges“, steht für ihn fest. Da mittlerweile fast alle privaten und landwirtschaftlichen Flächen im Besitz von RWE seien, böte sich hier eine große Chance. Wenn der Konzern jedoch den Abraum benötigt, um auf der anderen Seite den Rest des Hambacher Forstes mit einer Böschung abzustützen, dann werden neue Nutzungen noch viele Jahre auf sich warten lassen.

Lilo Hansen hat die Umsiedlung schon einige Zeit hinter sich: „Wir haben mit dem Kapitel abgeschlossen und gleich gesagt: Wir sind bei den Ersten, die umsiedeln, weil wir nicht in einem sterbenden Ort leben wollten.“ Ihr wäre es am liebsten, wenn die Altgebäude eingeebnet würden. „Hier wurde ge­plündert, demoliert und unter Wasser gesetzt – das war schrecklich mit anzusehen“, sagt die Vorsitzende des SV Morschenich.

Ein Blick von oben auf das Dorf. Foto: ZVA/www.copterolli.de/Eduard Olligschläger

Bürgermeister Georg Gelhausen musste am Vormittag noch davon ausgehen, dass die Kohle-Einigung in Berlin letztlich den Verbleib von Alt-Morschenich auf der Landkarte bedeutet. Für diesen nun nicht mehr realistischen Fall hätte er „einen Ort der Zukunft“ im Sinn und den Dialog mit den Morschenichern. Wenn RWE nun aber doch alles abreißt, dann werden diese Überlegungen noch für einige Jahre nach hinten verschoben. Im Umfeld von Alt-Morschenich sieht Gelhausen indes einen Bereich, der sich für ein Bioökonomieprojekt in Kooperation mit dem Forschungszentrum Jülich eignet und den Strukturwandel auch auf den Feldern und in der Landwirtschaft forciert. Die erste Priorität hat für den Christdemokraten nämlich der Ersatz für wegfallende Arbeitsplätze.

Das sind nicht wenige. RWE-Chef Winter sprach von einem „signifikanten Personalabbau“, bis 2030 könnten 6000 Jobs verloren gehen. Und weil der Ausstiegsbeschluss schon Ende 2022 laut RWE das Ende der „signifikanten Kohleförderung“ im Tagebau Hambach bedeutet, wird zudem deutlich, dass vor allem und zuerst im Kreis Düren die bewusste Abkehr von der Kohle zu kompensieren sein wird.