Düren: „Ernas Erben“ begeistern mit skurriler Komödie

Düren: „Ernas Erben“ begeistern mit skurriler Komödie

Auf diese Erben wäre Erna sicherlich sehr stolz gewesen. Erna, damit ist die letzte Intendantin des 1944 zerbombten Stadttheaters, Dr. Erna Fleck-Schiefenbusch, gemeint. „Ernas Erben“, so nennt sich der Jugendclub des Dürener Kulturbetriebs.

Seine diesjährige Produktion, die skurrile Komödie „The All American Arztroman“, feierte im Haus der Stadt Premiere. Der Inhalt: Eine Gruppe von Ärzten wie aus dem Arztroman frönt ihrem klischeehaften Alltag, in dem die Lernschwester (Mira Christoffels) naiv ist, der Sportmediziner (Daniel Peil) herrlich von sich eingenommen, die Kinderärztin (Laura Vanselow) hartherzig und karrieregeil daherkommt, die Oberschwester (Kathrin Esser) an der Militärschule ausgebildet wurde und diesen Drill gerne weitergibt und der Oberarzt (Robin Natus) zu philosophischen Ausbrüchen tendiert.

Ihre Geschicke werden gelenkt von einem routinierten Arztroman-Schreiber (Björn Lauterbach). Die Welt ist in Ordnung. Doch eines Tages taucht ein neuer Autor (Oliver Cremer) auf, der alles durcheinanderbringt, indem er den Gigolo-Arzt plötzlich nachdenklich gegenüber amourösen Abenteuern stimmt, die dümmliche Lernschwester komplizierte Diagnosen erstellen lässt, die Kinderärztin Kinderköpfe streicheln macht, der Oberschwester „mal frische Farben” in die Garderobe schreibt und entblößt, dass sich in den philosophischen Schriften des Oberarztes nichts befindet außer weißen Seiten.

Die Welt der Romanfiguren steht Kopf, sie merken es („Mein Gott, wir heißen ja alle wie Bundesstaaten!”), proben den Aufstand und versuchen sich während einer komplizierten Schreib-OP an einer eigenen Romanversion. („Wir brauchen was Stärkeres. Schwester, bringen Sie mir Shakespeare und Heiner Müller!”)

Die sieben jungen Schauspieler im Alter zwischen 15 und 21 Jahren haben sichtlich Spaß an ihren Rollen, die Arbeit der Regisseurin Marion Kaeseler an Aussprache, Timing und Rhythmus der Akteure hat sich gelohnt.

Besonders leicht und ungekünstelt, dafür mit natürlicher und überzeugender Bühnenpräsenz, bewegt sich Mira Christoffels als Lernschwester Helena Montana auf der Bühne. Die meisten Lacher ernten Daniel Peil als eingebildeter Charmeur Dr. Jersey Trenton und Laura Vanselow als hartherzige Kinderärztin Dr. Virginia Charleston sowie Oliver Cremer für seine Darstellung eines ihrer „Opfer”, des siebenjährigen Jimmy.

Der Verfasser der Komödie, der aus dem WDR-Fernsehen (‚Tiemann testet‘) bekannte Autor und Kabarettist Christoph Tiemann, hatte es sich nicht nehmen lassen, die Premiere persönlich zu besuchen und urteilte anschließend: „Es war toll, das Stück so werktreu gespielt zu sehen. Mir ist aufgefallen, wie schwer der Text ist. Gut, dass ich ihn heute Abend nicht selbst spielen musste. Das Ensemble hat den Text super abgeliefert. Phänomenal!”

Den Jugendclub gibt es seit 2010\. Damals suchte die jetzige künstlerische Leiterin des Theaters Düren, Monika Rothmaier-Szudy, nach einer Möglichkeit, das von Erna Schiefenbusch geschriebene Stück ‚Der Arbeitslose‘ zu inszenieren. Die erst 39 Jahre alte Autorin starb 1944 bei einem Bombenangriff, bevor ihr sozialkritisches Werk uraufgeführt werden konnte. Rothmaier-Szudy spürte es auf, die Theaterpädagogin Marion Kaeseler trommelte ein — damals noch generationenübergreifendes — Ensemble zusammen und setzte die Inszenierung für Düren um.

Voilà, ein neues Ensemble war geboren, das seitdem, im Sinne des geistigen Erbes von Erna Schiefenbusch, von der Marion Kaeseler weiß, dass sie sogar unter nationalsozialistischem Regime ‚linkes Theater‘ machte, Stücke mit gesellschaftskritischen — oder wie im Fall von ‘The All American Arzrtoman’ satirischen — Fragestellungen auf die Bühne bringt.

Kurzum: Ein wirklich kurzweiliger, lustiger Theaterabend, dem man die professionelle Führung des Amateurensembles durch und durch anmerkt

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