Düren: Erinnerung an die Kriegsgefangenen im Dürener Land wachhalten

Düren: Erinnerung an die Kriegsgefangenen im Dürener Land wachhalten

„Ich erzähle keine Geschichten. Ich erzähle Geschichte“, sagt Josefine Pütz. Und gerade an Novembertagen geht der 79-Jährigen ein Kapitel der Dürener Geschichte nicht aus dem Kopf: Das Schicksal von russischen Zwangsarbeitern, die während des Zweiten Weltkriegs am Vorbahnhof interniert waren.

„Es gab ein Lager für Männer und eines für Frauen und Kinder“, sagt sie. „Nach jedem Luftangriff mussten sie die Strecke reparieren“, erinnert sich Josefine Pütz. Oft unter Tieffliegerbeschuss.

Ihr Vater war Eisenbahner, die Familie lebte in einem Werkshaus der Reichsbahn, direkt an der Strecke, bis zur Evakuierung am 26. November 1944. In offiziellen Berichten ist nachzulesen, dass viele Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter eingesetzt wurden, um Leichen zu bergen und Schutt beiseite zu räumen. Was anschließend aus dem Lager wurde? Josefine Pütz zuckt mit den Schultern. „Ich weiß es nicht“, sagt sie. Doch es treibt sie um, Gewissheit über deren Schicksal zu erhalten. „Es muss doch jemanden geben, der einmal nachforscht“, findet sie.

Das Leid der Menschen habe sie jeden Tag mitbekommen. Ihre Mutter habe schon einmal Nahrungsmittel abgezwackt, die Eisenbahnerfamilie hatte einen großen Garten, war Selbstversorger. Doch mit dem Luftangriff auf Düren am 16. November 1944 wurde sie zu Flüchtlingen. „Zunächst sind tagelang Menschen aus der zerbombten Stadt aus Düren an uns vorbeigezogen“, blickt die 79-Jährige zurück.

Am 26. November wurden dann auch die Eisenbahner evakuiert, mussten ihre Häuser verlassen. Die Gebäude zwischen Arnoldsweiler und Merzenich gibt es heute noch. „Von den Baracken des Lagers sind nur noch Fundamente vorhanden. Bald ist alles verschwunden“, sagt Josefine Pütz. „Und dann kennt niemand mehr diese Geschichte.“

„Auch in Dürener Betrieben waren Ausländer, überwiegend Kriegsgefangene, beschäftigt. Wo die Leute untergebracht waren, ist, abgesehen vom Lager Arnoldsweiler, nur noch in Einzelfällen bekannt“, schreibt Dürens ehemaliger Stadtarchivar Dr. Hans Domsta in seinem Buch „Düren 1940 - 1947“. Im Stammlager Arnoldsweiler wurden neben polnischen und französischen überwiegend russische und ukrainische Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter untergebracht.

Die Zustände müssen besonders für die Russen und Ukrainer katastrophal gewesen sein. „Augenzeugenberichten zufolge starben täglich acht bis zehn Menschen unter grausamen Umständen“, sagt Helmut Krebs, Leiter des Stadt- und Kreisarchivs. Die Toten wurden in Massengräbern auf einem Feldfriedhof in der Merzenicher Heide beerdigt. „In den 1960er Jahren erfolgte die Exhumierung“, blickt Krebs zurück.

Die sterblichen Überreste wurden auf eine Kriegsgräberstätte bei Kesternich umgebettet. Über 1600 Leichen wurden gefunden. „Zeitzeugen berichten, dass viele gar nicht in der Merzenicher Heide begraben wurden, sondern auf Lastwagen geladen wurden, um irgendwo verscharrt zu werden“, sagt Krebs.

Über die in den Außenlagern festgesetzten Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter gebe es noch weniger Informationen. Aus Unterlagen der Alliierten geht hervor, dass viele Dürener Unternehmen Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene beschäftigten, auch ein Außenlager bei der Deutschen Reichsbahn ist belegt. „Die Aufarbeitung der Geschichte des Lagersystems, der konkrete Nachweis über dessen Nutzung und Belegung ist heute aber nur noch bedingt möglich, da kaum Unterlagen erhalten geblieben sind.

Viel Material ist vor dem Einmarsch der alliierten Truppen befehlsgemäß vernichtet worden, wichtige Unterlagen gelangten wohl bis zum Kriegsende in das Heeresarchiv in Potsdam. Bei einem schweren Luftangriff am 14. April 1945 sind diese Bestände allerdings größtenteils vernichtet worden“, berichtet Archivar Krebs.

Die Bereitschaft in der Industrie, dieses Kapitel aufzuarbeiten, sei nicht besonders ausgeprägt gewesen, bilanziert Bernd Hahne, Vorsitzender der Dürener Geschichtswerkstatt. Der Verein hat es sich zur Aufgabe gemacht, Licht ins Dunkel zu bringen. „Auf die von der Industrie versprochene Aufarbeitung warten wir bis heute“, sagt Bernd Hahne.

Die Aktenlage sei überschaubar, viele Unternehmen seien mittlerweile Geschichte — oder von weltweit tätigen Konzernen übernommen worden. „Wenn wir uns im Stadtmuseum mit dieser Epoche beschäftigen, werden wir über das Schicksal der Zwangsarbeiter in Düren noch einmal nachforschen“, versichert Hahne.

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