Energieversorgung und Fachkräftemangel sind die Sorgenkinder der VIV

Vereinigte Industrieverbände: Vorsitzender spricht von überstürztem Kohleausstieg

Mit Blick auf die Versorgungssicherheit der Industrie mit bezahlbarem Strom und den schon jetzt mehr als sichtbaren Fachkräftemangel blickt der neue Vorsitzende der Vereinigten Industrieverbände von Düren, Jülich, Euskirchen und Umgebung (VIV), Hans-Helmuth Schmidt, pessimistisch in die Zukunft.

Auf der traditionellen Jahresanfangsveranstaltung der VIV auf Burg Obbendorf in Hambach bewertete Schmidt den „Hals-über-Kopf-Ausstieg aus der Kernenergieerzeugung“ als eine „der fatalen Kurzschlussreaktionen“ von Kanzlerin Angela Merkel (CDU). „Und als genauso fatal wird sich der überstürzte Kohleausstieg erweisen“, unkte der VIV-Chef. „Wenn wir hier in Deutschland alle Atomkraftwerke abschalten, wird sich an den Gefahren nicht viel ändern.“ Schmidt verwies darauf, dass in Europa schließlich 126 Atomkraftwerke stünden.

„Es wird mittlerweile deutlich, dass unsere Energieversorgungssicherheit auf äußerst wackligen Füßen steht“, erklärte Schmidt und verwies auf den Begriff „Dunkelflaute“, der zunehmend die Runde mache. Gemeint sind windstille Nächte, in denen weder Photovoltaikanlagen noch Windräder Strom liefern. Schmidt erklärte, dass in diesen Fällen Strom sehr teuer aus dem Ausland zugekauft werden müsse, so dass der deutsche Industriestrom mittlerweile der teuerste in Europa sei. „Und wenn dann die Elektromobilität zunimmt, was wir alle hoffen, wird natürlich auch der Stromverbrauch stark steigen.“ Sollte in einigen Jahren ein Drittel aller Fahrzeuge auf Elektromobilität umgestellt sein, bedeute dies einen zusätzlichen Strombedarf von 50 Prozent, der erst recht teuer zugekauft werden müsse. Schmidt sprach daher von „fahrlässigen“ Empfehlungen der Kohlekommission.

Zweites großes Sorgenkind der Industrie ist der Fachkräftemangel, der vielerorts schon jetzt zu Produktionsengpässen führe. „Auch wir könnten erheblich mehr produzieren, wenn wir genügend und geeignete Mitarbeiter hätten“, verwies Schmidt auf sein eigenes Unternehmen, die CWS Lackfabrik in Merken. Allein in der Wirtschaftsregion Aachen werden nach Aussage der IHK in diesem Jahr etwa 11.000 Fachkräfte fehlen, davon 8000 mit einem Berufsabschluss und 3000 akademisch Qualifizierte. Daher steht für Hans-Helmuth Schmidt fest: „Wir müssen die jungen Leute wieder für eine Ausbildung begeistern und ihnen deutlich machen, dass sie als gut ausgebildete Fachkräfte in der Industrie hervorragende Chancen haben.“

Dafür ist es besonders wichtig, dass man weiß, wie die Jugend von heute tickt. Dies versuchte Peter Martin Thomas, Erziehungswissenschaftler und Leiter der Sinus:akademie, den rund 160 Gästen deutlich zu machen. „Es sind die weichen Faktoren – gute Führung, Kollegialität, Familienfreundlichkeit –, die für Jugendliche bei der Berufswahl entscheidend sind“, betonte Thomas und verwies darauf, dass jeder zweite Jugendliche unter Selbstzweifeln und Leistungsruck leide. Dem müsse man entgegenwirken. Nicht etwa die Aussicht auf ein gutes Einkommen, sondern der Spaß an der Arbeit und eine gute Unternehmenskultur seien heutzutage die wichtigsten Erwartungen an den Beruf. Auch würden Jugendliche immer häufiger darauf achten, dass der potenzielle Arbeitgeber soziale und ökologische Verantwortung übernimmt, und er regelmäßig Weiterbildungen anbietet.

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