Nörvenich: Emotionale Rückkehr zum „Boelcke“-Geschwader

Nörvenich: Emotionale Rückkehr zum „Boelcke“-Geschwader

Truppenbesuche stehen in diesen Tagen für Ingo Gerhartz viele an. Der neue Inspekteur der Luftwaffe macht sich vor Ort bei den Verbänden ein Bild von „seinem“ Team. Dieser Tag in Nörvenich aber ist etwas ganz Besonderes für den ranghöchsten Soldaten der Luftwaffe, etwas hoch emotionales, wie der 52-Jährige freimütig einräumt.

„Es fühlt sich an wie nach Hause zu kommen“, gibt der Generalleutnant einen kleinen Einblick in seine Gefühlslage. Gerhartz kennt den Fliegerhorst trotz der mehr als 150 Millionen Euro teuren baulichen Veränderungen in den vergangenen Jahren aus dem Effeff.

Drei Jahre lang, von 2008 bis 2010, war der damalige Oberst Kommodore des „Boelcke“-Geschwaders. „Ich habe seinerzeit am Reißbrett alle baulichen Veränderungen, die mit der Eurofighter-Einführung verbunden waren, geplant“, blickt Gerhartz zurück. „Es ist jetzt schön zu sehen, wie gut alles geworden ist.“

2009 den Eurofighter eingeflogen

Im Dezember 2009 ließ er es sich nicht nehmen, den ersten Eurofighter in Nörvenich zu landen und damit die Umrüstung des damaligen Tornado-Verbands einzuleiten, bevor er im Jahr darauf ins Luftwaffenführungskommando nach Köln-Wahn versetzt wurde — gleichbedeutend mit dem Ende seiner fliegerischen Laufbahn.

Es folgten in Rekordzeit weitere Sprossen auf der Karriereleiter, vor allem im Verteidigungsministerium, und vor wenigen Wochen die Ernennung zum Inspekteur der Luftwaffe. Damit ist Gerhartz der erste frühere „Boelcke“-Chef an der Spitze der Teilstreitkraft.

Normalerweise ist ein Truppenbesuch auf drei Stunden angesetzt. Lagebesprechung mit dem Kommodore, Gespräche mit Soldaten, mit dem Personalrat und den Vertrauensleuten — das ist Standard. In Nörvenich aber ist das Zeitfenster — ganz untypisch für die Bundeswehr — an diesem Tag schnell „gesprengt“. Immer wieder trifft Gerhartz auf alte Bekannte, Erinnerungen werden wach und ausgetauscht.

„Ich bin hoch beeindruckt von der Professionalität dieses Verbandes“, betont der Generalleutnant später. „Nicht zufrieden bin ich jedoch mit der materiellen Einsatzfähigkeit“. Wie an vielen Bundeswehrstandorten dieser Tage sind auch in Nörvenich bei Weitem nicht alle der aktuell 28 auf dem Fliegerhorst stationierten Eurofighter einsatzbereit.

Wie viele es de facto sind? Dazu will sich der amtierende Kommodore, Oberst Stefan Kleinheyer, nicht äußern. Von den wünschenswerten 70 bis 80 Prozent aber kann auch Kleinheyer nur träumen. Anfang des Jahres waren es zeitweise auch schon mal nur eine Handvoll. Kein Wunder, dass Gerhartz dieses Problem so schnell wie möglich in den Griff bekommen will. „Wir brauchen dringend die benötigten Ersatzteile, damit wir mehr Luftfahrzeuge und damit Piloten in die Luft bekommen.“

Dass die Bundeswehr mehr Geld für die Materialerhaltung benötige, sei mittlerweile auch bei der Politik angekommen, ist Gerhartz überzeugt, nachdem jahrelang viel Geld unter anderem in den Afghanistan-Einsatz geflossen sei. Jetzt sei es wichtig, die entsprechenden Verträge mit der Industrie zu schließen. Aber er weiß auch, dass dies Zeit braucht. „Wir können nicht erwarten, dass wir die benötigten Ersatzteile von heute auf morgen bekommen. Aber übermorgen.“ Noch könne Deutschland seinen Bündnisverpflichtungen voll und ganz nachkommen, versichert der Generalleutnant. „Aber wir müssen hart daran arbeiten, dass wir dies auch in Zukunft noch können.“

Sagt‘s und setzt seinen Truppenbesuch fort. Noch steht ein Treffen mit den Spießen an, den Müttern jeder Kompanie. Darauf freut sich Gerhartz besonders, noch einmal wartet das eine oder andere bekannte Gesicht auf ihn.