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Eine Patrouillenfahrt mit dem RWE-Werkschutz im Hambacher Forst

Wenn aus dem Nichts Steine fliegen : Alltägliche Anarchie im Hambacher Forst

Auf Streife mit dem RWE-Werkschutz

Nägelleisten, Schlagstock, Krähenfüße: Täglich kontrollieren der Werkschutz und eine von RWE engagierte Sicherheitsfirma, ob aus Reifen, Sperrmüll und anderem Material neue Barrikaden errichtet wurden und ob Rettungswege noch zugänglich sind. Ganz ungefährlich sind diese Patrouillenfahrten aber nicht.

Patrouillenfahrt mit dem Werkschutz von RWE Po­wer am Tagebau Hambach bei Morschenich. Zwischen „Hambi“ und Abbruchkante springt kaum 20 Meter vom weißen Geländewagen des Werkschutzes entfernt plötzlich ein Vermummter hinter einem Erdwall hervor, Pflastersteine in der Hand. Der vielleicht 20 bis 25 Jahre alte Mann zögert keine Sekunde. Er wirft die kiloschweren Steine in unsere Richtung, verfehlt das Fahrzeug nur knapp. Dass er Menschen verletzen könnte, ist ihm in diesem Moment offenbar egal. Der Kampf gilt dem verhassten Energiekonzern, da scheint jedes Mittel recht zu sein.

Schichtleiter Michael B.* gibt Gas, bringt den Wagen aus der Gefahrenzone. Die Scheiben der Werkschutz-Fahrzeuge sind zwar mit durchwurfhemmenden Folien beklebt, damit die Insassen bei Steinwurftreffern nicht von Glassplittern verletzt werden. Sicher ist aber sicher. Und diese Entscheidung ist goldrichtig. Wenig später kommt per Funk die Nachricht: „Zwillenbeschuss“ – und das alles neuerdings auch am helllichten Tag und nicht mehr nur im Schutz der Dunkelheit.

Es hört sich traurig an. Aber für den 48-jährigen Familienvater Michael B., seinen 30 Jahre alten Kollegen Udo H. und die übrigen Mitarbeiter des RWE-Werkschutzes und eines vom Unternehmen engagierten Sicherheitsdienstes sind solche Situationen rund um den Rest des von selbst ernannten Umweltaktivisten besetzten Hambacher Forstes seit Monaten bittere Alltagsrealität. „Wenn wir am Waldrand anhalten, dauert es keine fünf Minuten, und wir werden attackiert“, berichtet Michael B. Kaum zu glauben, wenn man es nicht selbst gerade erlebt hätte.

 Die Brandanschläge verlaufen oft nach dem gleichen Muster: Die zum Schutz der Technik aufgestellten Container werden aufgebrochen, Müll wird reingeworfen und angezündet.
Die Brandanschläge verlaufen oft nach dem gleichen Muster: Die zum Schutz der Technik aufgestellten Container werden aufgebrochen, Müll wird reingeworfen und angezündet. Foto: MHA/Jörg Abels

Die alltägliche Anarchie im Hambacher Forst. Mit Klimaschutz hat das längst nichts mehr zu tun. „Mit Steinwürfen und Zwillenschüssen auf uns bleibt doch kein Schaufelrad stehen“, sagt der 48-Jährige und kann nur den Kopf schütteln. Dazu passt auch, dass die Gewalt trotz der Empfehlung der „Kohlekommission“ vor Jahresfrist, den „Hambi“ zu erhalten, und selbst nach der Bund-Länder-Einigung zum Kohleausstieg, in der die Rettung der 200 Hektar Restwald ebenfalls verankert ist, nicht nachgelassen hat, im Gegenteil. Die Zahl der handfesten Attacken und Brandanschläge, unter anderem mit Molotowcocktails, hat noch zugenommen, wie die Werkschützer erklären.

Rund um die Uhr, sieben Tage die Woche, sind Werkschutz und Sicherheitsdienst im Tagebauvorfeld präsent. Wie viele Sicherheitskräfte täglich vor Ort sind, bleibt verständlicherweise ein gut gehütetes Geheiminis. „Wir kontrollieren bei unseren Fahrten, ob neue Barrikaden errichtet wurden, Schranken beschädigt wurden oder selbst gebastelte Nagelbretter auf den Wegen liegen“, erklärt Udo H. Hunderte eiserner Krähenfüße haben er und seine Kollegen bereits eingesammelt, trotzdem wurden unzählige Reifen aufgeschlitzt. 

„Es fährt immer ein mulmiges Gefühl mit“, gibt der 30-Jährige, der wie sein Kollege seit 2017 beim RWE-Werkschutz arbeitet, freimütig zu. „Man weiß nie, was einen erwartet, ob von links oder rechts nicht der nächste Stein fliegt.“ Eine Chance, die Täter zu stellen, hat der Werkschutz in der Regel nicht. „Eigenschutz hat oberste Priorität“, versichert Michael B. „Wenn ich einen Vermummten sehe, fahre ist erst einmal weiter, um eine Eskalation zu vermeiden.“ Auf gar keinen Fall werde versucht, den Täter zu stellen. „Ich weiß doch nicht, ob hinter dem einen Steinewerfer im Dickicht noch andere lauern“, betont Udo H.

„Die laufen 25 Meter in den Wald und lachen sich über uns kaputt. Das ist total ­frustrierend.“ Zumal nicht alle Angriffe glimpflich oder nur mit Sachschaden enden. „Vor zwei Wochen erst ist ein Kollege von einer Zwille am Kopf getroffen worden, trug aber zum Glück einen Helm mit Visier. Ein anderer Werkschützer wurde am Bein getroffen.“

 Nägelleisten, einen Schlagstock mit Aufschrift „Hambinator“, Krähenfüße und sogar eine Machete hat der Werkschutz in den vergangenen Monaten sichergestellt.
Nägelleisten, einen Schlagstock mit Aufschrift „Hambinator“, Krähenfüße und sogar eine Machete hat der Werkschutz in den vergangenen Monaten sichergestellt. Foto: MHA/Jörg Abels

Dem RWE-Werkschutz bleibt nichts anders übrig, als alle Vorfälle akribisch zu dokumentieren und bei der zuständigen Polizei Aachen anzuzeigen, auch wenn die Arbeit der Ermittlungskommission Hambach nur sehr selten von Erfolg, sprich Festnahmen, gekrönt ist. „Die Anliegen der Umweltschützer konnte ich ja durchaus verstehen“, räumt Udo H. ein. „Wenn das aber so ausartet wie hier, fehlt mit jegliches Verständnis.“ Der Schaden, insbesondere infolge der Brandanschläge auf Pumpstationen und Trafohäuser sowie der Beschädigung von Baumaschinen, geht längst in die Hunderttausende. Und ein Ende der Gewalt ist kaum in Sicht. „So traurig das klingt, die tätlichen Angriffe sind für uns Normalität geworden.“

Die für den Hambacher Forst zuständige Polizei Aachen sprach am Donnerstag auf Anfrage von einem weiter „sehr hohen Niveau an Straftaten von erheblicher Bedeutung“, ohne konkrete Zahlen nennen zu können. 2019 hatte die Behörde allein bis Ende Oktober bereits rund 400 Straftaten gezählt. Bis zum Jahresende musste sich die zuständige Ermittlungskommission mit mehr als 600 Vorgängen beschäftigten.

Aus Rücksicht auf den Schutz der Privatsphäre der RWE-Mitarbeiter haben wir die der Redaktion bekannten Namen geändert.