Huchem-Stammeln: Eine der größten Artillerie-Sammlungen Europas

Huchem-Stammeln: Eine der größten Artillerie-Sammlungen Europas

So mancher Passant und Kunde des benachbarten Getränkemarktes reibt sich verwundert die Augen. Ein Panzer, mitten in Huchem-Stammeln?! Wer genauer auf das etwas abgelegene Grundstück an der Grabenstraße im Gewerbegebiet blickt, sieht aber nicht nur ein Militärfahrzeug, sondern gleich mehrere.

Dazu hat der gebürtige Gürzenicher Thomas Roeb seit zehn Jahren nahezu alle Geschütze zusammengetragen, die von Wehrmacht und Bundeswehr zwischen 1939 und 1990 eingesetzt wurden. Die Sammlung möchte er künftig in einer derzeit noch im Bau befindlichen Halle auf einer Fläche von 1100 Quadratmetern auch der Öffentlichkeit zugänglich machen. „Ich plane zwar kein Museum, kann mir aber vorstellen, einmal wöchentlich Führungen anzubieten“, kündigt er an.

Das erste Wehrmachtgeschütz, das Thomas Roeb erwarb, war eine 8,8-cm-Flugabwehrkanone, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Finnland weiter im Einsatz war.

Der zweifach promovierte Wirtschaftswissenschaftler und Kunsthistoriker, der seit 1998 als Professor für Handelsbetriebslehre und Marketing an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg lehrt, als Unternehmensberater tätig ist und als Experte immer wieder auch in angesehenen TV-Talkrunden wie „Hart aber fair“ oder „Günther Jauch“ zu sehen ist, ist alles andere als ein kriegsverherrlichender Militarist. Es ist die Technik und vor allem die Geschichte der Waffen, die ihn seit seiner Kindheit begeistert.

„Schon mit sechs, sieben Jahren habe ich begonnen, Modelle von Militärfahrzeugen zu basteln“, erzählt Roeb: Später — als Jugendlicher — waren es originale Handfeuerwaffen aus dem Zweiten Weltkrieg, die ihn faszinierten, ehe er nach fast 25-jähriger Unterbrechung, seine Vorliebe für Geschütze und Panzer entdeckte. „Das erste Geschütz, das ich erstanden habe, war eine 8,8-cm-Flugabwehrkanone“, erzählt der studierte Historiker, wobei 8,8 für das Kaliber steht. Fündig wurde er in Finnland, wo nach dem Zweiten Weltkrieg eine ganze Reihe der früheren Wehrmachtgeschütze weitergenutzt wurden. „Wenn man genau hinsieht, erkennt man noch Reste der früheren Wehrmachtlackierung unter der späteren finnischen Tarnfarbe“, erklärt Roeb.

Die „Acht-Acht“ blieb nicht lange alleine. Im Laufe der Jahre hat der Gürzenicher eine Vielzahl mehr oder weniger gut erhaltener Kanonen aus ganz Europa zusammengetragen, alle demilitarisiert, also nicht mehr funktionsfähig, teilweise zerlegt und so korrodiert, dass er noch ein gutes Stück Arbeit investieren muss, bevor sie ausgestellt werden können.

Dabei ist es gar nicht so einfach, an historisches Kriegsgerät zu gelangen. Fast alles ist längst verschrottet worden. Besonders seltene Exponate gibt es nur als unvollständigen, stark korrodierten Teilesatz von alten Schrottplätzen oder aus Bodenfunden. Und wenn der Sammler mal wieder im Ausland fündig und mit dem Verkäufer handelseinig geworden ist, müssen auch noch komplizierte Aus- und Einfuhrbestimmungen beachtet werden. Trotzdem hat er im Laufe der Jahre eine beachtliche Zahl an Exponaten, teilweise regelrechte Raritäten, zusammengetragen. Insgesamt wird seine Artillerie-Sammlung mit über 80 Exponaten zu den fünf größten Europas gehören, die öffentlich zugänglich sind.

Thomas Roeb besitzt mittlerweile auch zwei Dutzend Panzerfahrzeuge der Bundeswehr, von denen er die Hälfte ausstellen wird. Das Spektrum reicht vom kleinwagengroßen Waffenträger Wiesel bis zum Kampfpanzer Leopard 1A5 und dem gleichgroßen Flak-Panzer Gepard. Auf seinen Gepard ist er besonders stolz. Er ist einer von nur zwei Prototypen, die bei der Bundeswehr für die spätere Fertigung getestet wurden. Teilweise hat er die Fahrzeuge vor der Verschrottung gerettet, teilweise von Sammlern erworben oder aber direkt von der Bundeswehr erhalten. Letzteres war besonders schwierig und ihm alleine sogar unmöglich.

Um direkt von der Bundeswehr ausgemusterte Fahrzeuge und Waffen zu erhalten, musste der Gürzenicher bereits vor Jahren mit Freunden einen Verein gründen und für diesen ein Museumskonzept erstellen, das von den Streitkräften geprüft wurde und jetzt den Verein autorisiert, ausgemustertes Material direkt von der Bundeswehr zu kaufen. Aber selbst dann hat die Bundeswehr noch ein Mitspracherecht bei jedem Weiterverkauf.

Alle Fahrzeuge sind reine Ausstellungsstücke. „Wenn ich sie von der Bundeswehr bekomme, muss ich die Fahrtüchtigkeit ausschließen“, erklärt Thomas Roeb. Weil sich die Fertigstellung der neuen Halle verzögert hat, sind noch nicht alle Fahrzeuge aus dem Roeb’schen Besitz in Huchem-Stammeln, werden aber in den kommenden Monaten noch angeliefert. Er verfügt auch über fahrbereite Panzer. Einige können über die Internetseite „panzerfun.de“ stundenweise gefahren werden.

2017 will der Wirtschaftswissenschaftler und Historiker seine Sammlung erstmals präsentieren. Dabei ist ihm ganz wichtig, dass nicht die Militärgeschichte, sondern die Militärtechnik im Mittelpunkt steht. Trotzdem soll der historische Kontext nicht ausgeblendet werden. Zu den Exponaten will er auf Infotafeln wichtige historische Rahmenbedingungen erläutern, beispielsweise auf Themen wie „Zwangsarbeit in der Rüstungsindustrie“ oder „Waffen als Kriegsbeute“ eingehen, um zu erklären, warum sich zum Beispiel auch russische Geschütze in seiner Sammlung befinden.

Auch das Verhältnis der Bundesrepublik zu den USA lässt sich an den ausgestellten Waffen ablesen. „Das veraltete amerikanische Material des Zweiten Weltkriegs symbolisiert die frühe Abhängigkeit der Bundesrepublik von den USA. Der erste in West-Deutschland selbst konstruierte Kampfpanzer, der Leopard 1, steht demgegenüber für die Emanzipation West-Deutschlands und ist damit Ausdruck des neuen deutschen Selbstbewusstseins der späten 60er Jahre“, erklärt der Wissenschaftler, der im Laufe der Jahre enormes Wissen rund um seine Militärsammlung angehäuft hat.

Er hofft durch die Öffentlichkeit im Übrigen auf technisch versierte Freiwillige, die sein Interesse teilen und ihn bei der Restaurierung und Wartung seiner Exponate unterstützen.

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