Disternich: Eine Burg, elf Bewohner, unzählige Ideen

Disternich: Eine Burg, elf Bewohner, unzählige Ideen

Auf dem Briefkasten am Eingangstor zum Gelände der Burg in Disternich stehen fünf Nachnamen. Hinter diesen Namen stecken elf Menschen, von eineinhalb bis 64 Jahren, die gemeinsam auf der Burg leben. Die Gemeinschaft Burg Disternich hat das zehn Hektar große Gelände mitsamt mehrerer Gebäude Ende Dezember gekauft.

Nach und nach sind die Bewohner — Einzelpersonen, Paare und Familien — dort eingezogen. Nun hat die Gruppe einiges an Arbeit vor sich, denn die Burg war mehrere Jahre unbewohnt und es bedarf noch einiger Arbeitsstunden, bevor sie den Vorstellungen der neuen Eigentümer entspricht.

Von Berlin nach Disternich

Aber wo soll die Reise hingehen? Die Burg und das flache, lange Nebengebäude sollen ein Zuhause für Menschen werden, die dort in Gemeinschaft leben möchten. Mit mehreren Generationen unter einem Dach zu leben, ist ihnen wichtig. Für Myoshin Zeitler ist das normal. Die 64-Jährige lebt seit 40 Jahren in Lebens- oder Wohngemeinschaften, zuletzt in einem buddhistischen Zentrum in den Niederlanden.

Die Idee, eine eigene Gemeinschaft zu gründen, kam ursprünglich von ihrer Tochter, die mit ihrer eigenen kleinen Tochter mit anderen zusammenleben wollte. Das war auch ein Grund, weshalb Patrick Wodni mit Frau und Tochter aus Berlin dazustieß. Er tauschte die 66 Quadratmeter große Wohnung in der Hauptstadt, gegen mehrere Zimmer auf der Burg Disternich.

Dort hat jeder Bewohner rund 20 Quadratmeter für sich: Küche, Wohnzimmer, Esszimmer, ein Meditationsraum und die große Parkanlage werden gemeinschaftlich genutzt. Teamarbeit wird hier groß geschrieben. Jeder bringt sich abhängig von den eigenen Stärken und der vorhandenen Zeit ein. Während die meisten die Burg morgens verlassen, um zur Arbeit zu fahren, ist Myoshin Zeitler als Rentnerin öfter zu Hause. Dort bietet sie Zen-Meditationskurse an.

Patrick Wodni ist selbstständiger Berater für Großküchen und als solcher manchmal auf Dienstreise, aber auch von zu Hause aus tätig, genau wie ein Architekt, der sein Büro in der Burg eingerichtet hat. Während Wodni gern in der Küche steht und für die Gruppe kocht, gibt es andere, die sich gerne mit dem Garten oder dem Haushalt beschäftigen, renovieren, die Tiere versorgen oder sich um die Kinder kümmern.

Letzteres wird hier ab August auch professionell geschehen: Zwei Bewohnerinnen der Burg bieten dann eine U3-Gruppe zur Kinderbetreuung an. Bisher waren sie als Tagesmütter in Köln tätig, wollen bald aber in einem weiteren Gebäude auf dem Gelände aktiv werden. Mit Patrick Wodnis Tochter ist das erste Krabbelgruppenkind schon zur Stelle.

Die Kleinkindgruppe ist aber nur ein erster Schritt, die Gemeinschaft hat noch viele weitere Ideen: Auf der wilden Weide sollen neben Pferden, Eseln und einem Shetlandpony noch mehr Tiere Platz finden. Dem ersten mutigen Schritt in Sachen Permakultur — also dem Gärtnern mit Blick auf Vielfalt, Dauerhaftigkeit und Selbstregulierung — sollen weitere Aktionen folgen. Die Burgbewohner können sich auch vorstellen, einen kleinen Bioladen zu eröffnen. „Weniger um Geld zu verdienen, als vielmehr um in Kontakt zu kommen“, erklärt Zeitler und ergänzt: „Wir wollen offen sein, viele Einflüsse reinlassen und rausgeben.“

Gespannt sind die Bewohner darauf, wer noch alles seinen Weg auf die Burg finden wird, denn komplett ist die Gemeinschaft noch nicht. Im Moment gäbe es Platz für rund 25 Erwachsene. Zwei, die die Altersspanne der Gemeinschaft über die 90-Jahr-Grenze vergrößern würden, sind die Eltern von Myoshin Zeitler. „Die brauchen wahrscheinlich das Gefühl, dass alles fertig ist, bevor sie den Schritt wagen“, meint sie. Noch ist aber bei den Renovierungsarbeiten kein Ende in Sicht. Zunächst steht das Nebengebäude der Burg an.

Dort werden eine große Küche und ein Gemeinschaftsraum wieder frisch gemacht. Weitere Schlafzimmer richten die Burgbewohner auch noch her. Dabei ist ihnen wichtig, dass einige barrierefrei erreichbar sind und auch Gästezimmer zur Verfügung stehen. Auch in dem Haus, in dem die U3-Gruppe unterkommen soll, gibt es im kommenden Monat noch einiges zu tun. Und danach bleiben auch noch die bisher ungenutzte Tennishalle und ein leeres Schwimmbecken, ein Grillhaus, der Burggraben und der angrenzende Teich.

Trotz einiger Baustellen fühlen sich Zeitler und Wodni schon sehr wohl in ihrem neuen Heim. Der größte Vorteil liegt für den jungen Vater auf der Hand: „Jeder kann etwas anderes gut und ist bereit, es dem anderen zu erklären. Ich mag, dass ich abends schlauer ins Bett gehe, als ich morgens aufgestanden bin.“ Und auch die Hausälteste hat sich gut eingelebt: „Das ist eine unglaublich schöne Atmosphäre hier. Wie bei einer Großfamilie — einer friedvollen, harmonischen Großfamilie.“

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