Düren: Ein Urgestein der Drogenberatung

Düren : Ein Urgestein der Drogenberatung

Haschisch für Hippies, Kokain für den aufstrebenden Geschäftsmann der 80er Jahre, Amphetamine und Aufputschmittel für die Techno-Partys der 90er — jede Generation hat ihre eigenen Drogen. „Heute werden verstärkt leistungssteigernde Mittel konsumiert, das beginnt schon bei Studenten“, berichtet Wilfried Pallenberg.

Parallel dazu würde bei Jugendlichen „in der Breite weniger, aber dafür in der Spitze mehr“ Alkohol getrunken, ja geradezu gesoffen. „Das Abfüllen ist zum Selbstzweck geworden“, sagt er. Besonders in jungen Jahren werde kräftig gebechert. Ein Trend, der Wilfried Pallenberg Sorgen bereitet.

Der 65-Jährige hat schon manche Entwicklung beobachtet. Vor 33 Jahren hat Pallenberg die Sucht- und Drogenberatungsstelle des Caritasverbandes in Düren mit aufgebaut und sie seitdem geleitet. Seit 1981 kümmern sich die Mitarbeiter um Abhängige und deren Angehörige. Sie versuchen, einen Weg aus der Sucht zu finden. Oder zumindest das Leben mit der Sucht menschenwürdig zu gestalten.

„Ich habe damals zur Bedingung gemacht, dass ich mir die Mitarbeiter selbst aussuchen kann“, erzählt Pallenberg. „Die Beratungsstelle ist so etwas wie ein eigenes Kind.“ Am 19. September wird der 65-Jährige in den Ruhestand verabschiedet. Seine Nachfolgerin ist Inge Heymann, auch sie ist eine Mitarbeiterin der ersten Stunde. Aufhören zu arbeiten wird Pallenberg aber nicht. „Ich habe noch einige Projekte, die zu Ende geführt werden müssen“, sagt er.

Als Wilfried Pallenberg mit dem Projekt „Beratungsstelle“ anfing, stand Düren bundesweit in den Schlagzeilen. „Selbstmorde, eine Heroin-Ranch-Klamotte — hier war ziemlich viel los“, blickt der 65-Jährige zurück. „Die Politik stand unter Druck, sie musste etwas mit Blick auf den Drogenhandel und die Abhängigen unternehmen. Und wir sollten die Leute von der Straße holen.“

Neben stationärer Entzugstherapie und Entgiftung setzten Pallenberg und sein Team auch auf Elterngruppen sowie sogenannte niederschwellige Angebote. „Wir gaben Drogenabhängigen die Möglichkeit, ihre Wäsche zu waschen, bei uns zu duschen, einen Tee zu trinken — ohne dass wir Bedingungen gestellt haben.“ Vor 33 Jahren sei das Neuland gewesen. „Für mich ist es der Schlüssel der Arbeit“, betont Pallenberg. „Wir wurden zu Ansprechpartnern.“

Nachdem mit der „Elendsvermeidung“ der erste Schritt getan war, sei oft auch der zweite gefolgt, sei ein Weg aus der Sucht gefunden worden. „Einem Heroin-Süchtigen die Spritze abzunehmen ändert nichts“, sagt Pallenberg. Drogen seien nur ein Symptom, es gehe darum, die Gründe für den Konsum zu erkennen. Dort liege meist auch der Schlüssel für den Weg zurück ins Leben.

„Wir können mit Stolz sagen, dass wir bislang jedes Modellprojekt des Landes bekommen haben, dass Düren immer vorne mitgespielt hat“, sagt Pallenberg. Schon früh sei neben der Beratung der Grundstein für ein „Verbundsystem“ mit psychosozialer Begleitung der Methadonvergabe, einer ambulanten Suchttherapie, Betreutem Wohnen und Prävention gelegt worden. Sehr früh gründeten Wilfried Pallenberg und einige Mitstreiter auch den Verein Endart, der bis heute die „Kulturfa-brik“ an der Veldener Straße betreibt. „Ich wollte nicht Konzertveranstalter werden. Ich wollte einen Zugang zur Szene haben, zu Jugendlichen“, erklärt Pallenberg.

Das Team der Sucht- und Drogenberatung habe „stets am Puls der Zeit gearbeitet“, spricht der 65-Jährige allen Mitarbeitern ein großes Lob und viel Dank aus. „Ich wünsche mir, dass die erfolgreiche Arbeit im Verbundsystem fortgeführt werden kann“, gibt Pallenberg seiner Nachfolgerin Inge Heymann mit auf den Weg. Arbeit gebe es genug.

„Wir beobachten wieder eine Tendenz zur Selbstzerstörung“, berichtet Pallenberg. Das Öffnen der Schere zwischen Arm und Reich habe ebenfalls Konsequenzen. „Kinderarmut kann eine Basis dafür sein, dass die Beratungsstellen künftig viel zu tun haben werden“, mutmaßt Pallenberg. Drogen seien oftmals ein Mittel, um der Realität zu entfliehen. Auch eine Form der Sucht, die noch nicht als Krankheit anerkannt ist, bereitet Inge Heymann Sorgen: die Internetsucht. Einer Studie zufolge gebe es bereits 250.000 Abhängige, etwa 1,5 Millionen Menschen legten ein problematisches Nutzungsverhalten an den Tag.

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