Merzenich: Ein Obstgarten für den Bürgermeister

Merzenich: Ein Obstgarten für den Bürgermeister

100. Geburtstage feiert man für gewöhnlich recht selten. Und wenn es doch einmal so weit kommt, dann gibt es meist ein rauschendes Fest: Es wird in der Vergangenheit geschwelt, Anekdoten werden erzählt, Verdienste herausgehoben.

„Doch feiert man das Bestehen eines Gebäudes, fällt das nicht so leicht. Gebäude reden nicht einfach so über ihre Vergangenheit”, sagte Peter Harzheim, Bürgermeister der Gemeinde Merzenich, schmunzelnd.

Der Bürgermeister hatte zu einem ganz besonderen runden Geburtstag eingeladen: Das Merzenicher Rathaus wurde am vergangenen Samstag stolze 100 Jahre alt. Am 1. Oktober des Jahres 1911 war das Amtsgebäude mit einem feierlichen Akt eingeweiht worden. Viele Gäste haben der Feier damals beigewohnt.

Festlicher Rahmen

Und auch auf den Tag 100 Jahre später sollten sich zahlreiche Gäste im Merzenicher Rathaus einfinden. Im festlichen Rahmen mit Sekt, Kanapees und Musik vom Saxophonquartett Rolf Kratzborn feierten der Bürgermeisterrat, die sachkundigen Bürger Merzenichs, Vertreter der Ortsvereine und die Verwaltungsmitglieder den runden Geburtstag ihres Rathauses. RWE hatte ein Geschenk mitgebracht: Die Gemeinde Merzenich erhielt ein nagelneues Elektrofahrrad. Im Anschluss konnten Interessierte das Amtshaus besichtigen.

Doch springen wir nochmal ein Jahrhundert zurück: Bevor das Merzenicher Rathaus gebaut wurde, residierten der Bürgermeister und seine Mitarbeiter im ehemaligen Kloster an der Bergstraße, dem heutigen Bürgerhaus Klosterstraße. „Hier ist alles viel zu klein”, befand wohl damals Fritz Kleinen, amtierender Bürgermeister. Eine andere Lösung musste her. Nachdem der Bürgermeisterrat überzeugt und in der Dürener Volkszeitung um das Angebot potentieller Grundstücke gebeten worden war, erwarb der Bürgermeisterrat am 28. Juli 1910 das Grundstück für 4500 Mark, auf dem heute das Merzenicher Rathaus steht.

Ein wohl nicht ganz unwesentlicher Grund: „Der vorhandene Baumbestand lässt den Bürgermeister direkt in den Genuss des Obstgarten kommen!” Dies hatte der damalige Kreisbaumeister Heinrich Saynisch in seinem Gutachten festgehalten. Auch sonst sei das Grundstück gut geeignet. Der Bau ging recht zügig voran, auch wenn schon zur damaligen Zeit dieselben Probleme wie heute bestanden: „Auch der Kreisbaumeister wurde gelegentlich auf Kostendämpfung und Einsparpotential hingewiesen”, erklärte Peter Harzheim.

Über 55.000 Mark ließ sich Merzenich vor 100 Jahren das Rathaus kosten. „Von nun an waren die Amtsräume der Gemeinde wieder repräsentabel und auch von entsprechender Größe”, berichtete Bürgermeister Harzheim. Viele Informationen hat Harzheim aus einer Bauakte der damaligen Zeit erhalten; übersetzt hat das in Sütterlin verfasste Schriftstück die Merzenicher Standesbeamtin Claudia Lüttgen. So wusste Peter Harzheim auch über die Geschichte des Rathauses in der Zeit des Nationalsozialismus, der Nachkriegsjahre und der neueren Vergangenheit zu berichten. Nur eine Frage bleibt noch immer offen: Wo ist der Turm geblieben, der das Rathaus noch auf Fotos der 30er Jahre zierte?

Als die Gäste Peter Harzheim nach seinen Ausführungen mit Applaus bedachten, hob er die Hände: „Der Applaus gebührt nicht mir, sondern unserem Rathaus”, sagte er mit einem Augenzwinkern. Die Merzenicher seien stolz auf ihr altes Rathaus, und sie hoffen, dass es noch viele weitere Jahre Bürgermeistersitz bleibt. Auch wenn es weder sprechen noch hören kann.