1. Lokales
  2. Düren

Heistern: Ein falsches Komma bedroht die Existenz

Heistern : Ein falsches Komma bedroht die Existenz

Wer aus aus Richtung Klosterhof Wenau nach Heistern fährt, stößt direkt auf die „Landmetzgerei mit Frischemarkt”. Aus alten Zeiten hängt da noch ein „Spar”-Schild, daneben der Name Martin Bartz. Manch auswärtige Besucher wundert sich, dass es noch ein Geschäft dieser Größe in einem kleinen Dorf gibt.

Metzgermeister Martin Bartz (76) und seine Frau Katharina (70) führen den Laden schon seit 50 Jahren. Der Laden hat rosigere Zeiten erlebt. „Wer kommt denn noch kaufen außer älteren Leuten und Kindern, die nicht selbstständig nach Langerwehe fahren können”, fragt Katharina Bartz. Vor kurzem hat die Post den Eheleuten auch noch die Poststelle weggenommen. Die ist jetzt in Langerwehe. Wegen einer Briefmarke müssen die Leute nun in den Hauptort fahren.

Doch all das könnten die Eheleute Bartz wohl noch verkraften. Sie würden ihren Laden so gut es geht weiterführen. Wenn nicht vor eineinhalb Jahren etwas geschehen wäre, was sie völlig aus der Bahn warf. Das RWE stellte zunächst eine Nachzahlungsforderung von 3000 Euro, kurze Zeit später kam eine Forderung von 26.000 Euro. Die Eheleute Bartz waren geschockt. Wie konnte es dazu kommen?

Die Kreishandwerkerschaft wurde eingeschaltet. Ein Rechtsanwalt nahm die Angelegenheit in die Hand. Martin und Katharina Bartz hatten offenbar fünf Jahre lang zu wenig gezahlt. Der Energieversorger gab zu, dass der Fehler bei ihm lag. Ein Komma war an die falsche Stelle gerückt. Fünf Jahre lang wurden den Geschäftsinhabern deshalb deutlich weniger in Rechnung gestellt, als sie eigentlich hätten zahlen müssen. Der Rechtsanwalt, der die Familie Bartz vertrat, wies nach, dass von den fünf Jahren schon zwei verjährt waren.

So schrumpfte die Forderung auf 16.000 Euro. Ohne Zinsaufschlag, weil RWE diesen Komma-Fehler gemacht hatte, müssen Martin und Katharina Bartz nun bis Mai 2013 monatlich 300 Euro zahlen. Mit den 460 Euro Energiekosten, die sowieso jeden Monat fällig sind, eine Summe, die sie nicht verkraften können.

Ein wenig Hoffnung, die Energierechnung schmälern zu können, schöpfte die Familie Bartz, als ein unabhängiger Zählerprüfer feststellte, dass der Zähler in ihrem Haus deutlich zu schnell laufe. Der TÜV wurde eingeschaltet. Der wiederum stellte fest, dass der Zähler in Ordnung ist. Wer hat nun Recht? Die Geschäftsinhaber sind völlig verunsichert.

„Unsere Einnahmen werden immer weniger”, klagt Katharina Bartz, „und die Kosten laufen davon.” Das Geschäft ist ihr Leben. Jetzt droht die Insolvenz. Die Mehrbelastung, die ohne ihre Schuld jetzt monatlich zu tragen ist, kann einfach nicht aufgefangen werden. „Wir haben manch schlaflose Nacht”, sagt Katharina Bartz und fragt: „Wie soll das weitergehen?”

Die Kunden jedenfalls hoffen, dass es irgendwie weitergeht. Helmut Büchel aus Hamich, der gerade im Laden ist, weiß um das Problem. „Es wäre sehr schade”, sagt er, „wenn auch dieser Laden wie so viele schließen müsste.” Heistern werde so langsam zum Geisterdorf. In den Ferien fahren keine Busse. Nur Autobesitzer können aus dem Ort raus. Die anderen würde es hart treffen, wenn das Geschäft der Familie Bartz nach 50 Jahren die Pforten endgültig schließen müsste.

Auch beim RWE nimmt man die Situation keineswegs auf die leichte Schulter. Bis Ende des Jahres sei die Rate auf Bitten der Geschäftsleute reduziert worden, sagte ein Sprecher des Unternehmens. Er gab zu bedenken, dass die Eheleute Bartz durch die Verjährung ja bereits 10.000 Euro gespart haben. Aus Gründen der Gerechtigkeit gegenüber anderen Kunden könne RWE aber nicht vollständig auf die Nachzahlungen verzichten.

Er hoffe, sagte der RWE-Sprecher, dass die Metzgereibesitzer die 300 Euro zusätzlich ab Januar wieder zahlen können. Für die Familie Bartz, aber auch für die Kunden, die einen der wenigen noch verbliebenen kleinen Landläden vermissen würden.