Dr. August Bender: Ein Arzt mit zwei Gesichtern

Dr. August Bender: Ein Arzt mit zwei Gesichtern

100 Menschen drängen sich im Vortragraum des „Komm“-Zentrums in Düren. Nicht alle können sitzen. Der Tag war heiß, und die Luft ist stickig, trotz offener Fenster.

Der Referent erzählt von Transporten zu Konzentrationslagern, von unendlich dauernden Fahrten in Viehwaggons. Die eigene Befindlichkeit wegen des Luxusproblemes der schlechten Luft lässt das Thema direkter wirken. Nico Biermanns referiert im Auftrag des Bertram-Wieland-Archives und des DGB-Kreisverbandes Düren über Leben und Wirken des aus Kreuzau gebürtigen Arztes Dr. August Bender. 78-jährig schloss er 1988 seine Praxis in Vettweiß-Kelz und widmete sich ab 1993 seinen Memoiren. Unter anderem als Lagerarzt im KZ Buchenwald.

Dominik Clemens befasst sich für die Wieland-Stiftung mit der Geschichte der hiesigen Arbeiterbewegung. Die Recherche führt auch zum KZ Buchenwald. Schnell wird klar, dass da nicht nur Insassen aus Düren waren, sondern auch Täter. So besagter Lagerarzt. Für den wiederum interessiert sich Nico Biermanns, Student der Geschichte, und wühlt sich durch unzählige Akten. Und versucht eine Annäherung an den Mediziner, der für seine Verdienste im kleinen Ort Kelz gewürdigt wurde und über den Kelzer heute noch sagen: „Er war ein toller Arzt.“

Da ist aber auch der andere Bender. Der Arzt, der in die NSDAP eintrat und in die SS und sich 1938 um eine Stelle als SS-Arzt in Buchenwald bewarb. Fortan gehörte er zur Totenkopf-Standarte und trug das furchteinflößende Emblem an seinem Revers.

„Arbeitsscheue“

Im KZ in Buchenwald — damals wurde Konzentrationslager noch mit KL abgekürzt — traf der Kreuzauer auf drei „Arbeitsscheue“ aus Kreuzau. Heinrich Mayntz, Mathias Knubertz und Walter Milz. Letzterer sollte später aussagen, Bender sei keiner von den Schlimmen gewesen, er habe keinen Häftling misshandelt. Da taucht auch nichts Gegenteiliges in alten Akten auf. Um so seltsamer berührt es, liest man in Benders Aufzeichnungen über die Zeit in Buchenwald: Das sei eine „feine Praxis“ gewesen. „Ich habe nie wieder so ungebunden arzten können.“

Einerseits bezeichnet er die Häftlinge als Kollegen, um sich aber andererseits von ihnen bedienen zu lassen mit Menü-Plan zum Ankreuzen und Extra-Wünschen, die auf Kosten des Häftlings-Etats erfüllt werden.

Da ist die ewige Glorifizierung von Nazi-Größen nebst Anhang. Und da ist die Mitgliedschaft in der HIAG, der Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitig der ehemaligen Mitglieder der Waffen-SS und deren Angehörigen nach dem Krieg.

Wer denn bei ihm in der Praxis gewesen sei, will Biermanns wissen. Und mehr als 20 Personen machen ein Handzeichen. Etliche haben den 2005 verstorbenen als „guten Arzt“ in Erinnerung. Und Dominik Clemens resümiert: „Da bleiben viele Kontroversen.“

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