Region: Ein alter Werkstoff in neuem Gewand: Eröffnung des neuen Papiermuseums

Region : Ein alter Werkstoff in neuem Gewand: Eröffnung des neuen Papiermuseums

Die Milchpackung am Frühstückstisch, der Kassenzettel im Supermarkt, das Paket der Onlinebestellung, vielleicht ein Klebezettel auf dem Kühlschrank mit einer wichtigen Erinnerung: Papier gehört zu unserem Alltag.

Die Digitalisierung schreitet voran, aber das Papier bleibt — auch wenn es seine Formen verändert: Es gibt sogar Tüftler, die Papier mit Lautsprechern bedrucken und es so zum Singen bringen. Die Basis aber ist seit Jahrhunderten ein Gemisch aus Holzfasern und Wasser.

Mit der kessen Spitze in Richtung des Anbaus am Leopold-Hoesch-Museum tritt das Papiermuseum architektonisch aus seinem Schattendasein heraus. Foto: Sarah Maria Berners

Am Sonntag, 9. September, öffnet das neue Papiermuseum in Düren. In den vergangenen drei Jahren wurde das alte Gebäude für etwa viereinhalb Millionen Euro erweitert und umgebaut und in eine völlig andere Architektur verwandelt, in deren Inneren sich eine neu konzipierte und multimedial ausgerichtete Ausstellung befindet.

Auch im Leopold-Hoesch-Museum spielt Papier eine große Rolle. Das Material ist ein verbindendes Element zwischen den beiden Häusern. Foto: Sarah Maria Berners

Papier prägt die Stadt seit mehr als 400 Jahren. Die erste Dürener Papiermühle wurde nachweislich im Jahr 1576 in Betrieb genommen, entlang der Rur expandierte die Papierindustrie im 18. Jahrhundert. Schon 1990 wurde wegen der Bedeutung des Werkstoffes für die Stadt ein Papiermuseum eröffnet. Aber die Verhältnisse waren schnell beengt, die Ausstellung nicht mehr zeitgemäß. Gleichzeitig zeigte sich auch in der Industrie der Wunsch nach einem neuen Museum — und die Bereitschaft, die Kosten mitzutragen.

In einer Wabenstruktur werden die Meilensteine der Papiergeschichte aufgeführt. Noch fehlen die handgeschriebenen Überschriften. Foto: Sarah Maria Berners

Während im Inneren der Aufbau der Exponate auch in der letzten Woche vor der Eröffnung noch läuft, ist die Gebäudearchitektur in Düren schon längst zu einem Hingucker geworden. Wer richtig hinsieht, kann erkennen, um was es geht: Die moderne Fassade mit dem leuchtend weißen Putz sieht aus wie ein gefaltetes Papierobjekt. Durch den dunklen, zurückspringenden Sockel wirkt das Gebäude so, als könne man es an einer Ecke hochheben und umkippen. Kess ragt eine Ecke neben dem schweren, kraftvollen Anbau des Leopold-Hoesch-Museums in die Höhe. „Das alte Papiermuseum stand im Schatten des Leopold-Hoesch-Museums“, sagt der federführende Kölner Architekt Klaus Hollenbeck.

In einer solchen Presse wurde früher das Wasser aus dem geschöpften Papier gedrückt. Foto: Sarah Maria Berners

Gleichberechtigt neben der Kunst

Die Kuratorin und der Architekt: Caroline Kaiser und Klaus Hollenbeck stehen hinter dem neuen Dürener Papiermuseum. Foto: Sarah Maria Berners

In diesen Schatten gehöre das neue Museum, eines von drei Papiermuseen in Deutschland, mit seiner modernen Ausstellung aber keineswegs. Stattdessen stehe es gleichberechtigt neben dem Ort zeitgenössischer Kunst — und deswegen ragt die weiße Spitze auch nicht über das benachbarte Gebäude hinaus. Auf der Fassade sind Prägungen zu sehen, auch der Schriftzug „Papiermuseum Düren“ sieht wie geprägt aus und ist auch in Braille-Schrift auf dem schnörkellosen Putz angebracht.

Die Kuratorin und der Architekt: Caroline Kaiser und Klaus Hollenbeck stehen hinter dem neuen Dürener Papiermuseum. Foto: Sarah Maria Berners

Und damit spannt das Museum schon über dem Eingang einen Bogen zu einem weiteren wichtigen Thema in Düren: Die Stadt ist wegen des Blindenfürsorgevereins, der Blindenschule und des Berufsförderungswerks auch eine Stadt der sehbehinderten und blinden Menschen: Die Kontraste im Museum sind deshalb klar, Schwarz und Weiß geben den Räumen eine klare Struktur. Das Museum ist barrierefrei und macht Informationen auch für Menschen erfahrbar, die nicht gut oder gar nicht sehen können.

Die Ausstellung im Museum, die von dem Architekten in Zusammenarbeit mit Kuratorin Caroline Kaiser und ihren Kollegen der Kulturagentur expo2508 entwickelt wurde, ist in fünf Bereiche untergliedert. An vielen Stellen ist Anfassen ausdrücklich erwünscht.

„Uns war es wichtig, einen intuitiven Zugang zum Thema zu schaffen“, erklärt Kaiser. Und deswegen beginnt der Ausstellungsrundgang emotional. „Mehr als 100 Unternehmen widmen sich im Dürener Land dem Werkstoff — als Hersteller, Zulieferer oder Verarbeiter. Das Papier stellt nicht nur einen bedeutenden Wirtschaftsfaktor dar, es ist auch Teil der regionalen Identität“, erklärt Caroline Kaiser. Deswegen erzählen zu Beginn Menschen Geschichten. Ihre Geschichten und ihre persönliche Verbindung zum Papier. Dabei spielt die Dürener Industriellenfamilie Schoeller, die unter anderem seit Generationen in der Firma Schoellershammer Papier produziert, ebenso eine Rolle wie das Kind, das malt oder Papier gerne in Fetzen reißt.

Meilensteine in der Geschichte

Die Macher der Ausstellung sind sich sicher, dass auch jeder Besucher eine Beziehung zum Papier hat — und vielleicht bedarf es nur eines kleinen Anstoßes, um diese ins Bewusstsein zu rufen. Im ersten Ausstellungsbereich geht es aber auch um die Meilensteine in der Geschichte des Papiers und die Industriegeschichte der Rurstadt. Vermittelt werden die Inhalte multimedial, aber auch handschriftlich auf Briefbögen.

Im Herzen des Museums geht es um die Papierherstellung — von den Basis-Ressourcen Holz und Wasser bis hin zur Produktion von Thermo- und Hygienepapieren. Zur Veranschaulichung werden historische, aber noch immer funktionierende Maschinen ebenso gezeigt wie Videobeiträge aus einer hochmodernen Papierfabrik. An einer Schöpfstation können Besucher eigene Erfahrungen sammeln. An der „Recycling-Station“ können sie Produkte auf einen Scanner stellen — und sich etwa Anregungen für Debatten über Kaffeebecher zum Mitnehmen holen. Von dort aus geht es zur Wand der Visionen, denn Papier kann noch weitaus mehr sein, als die Besucher auf den ersten Blick ahnen. Es kann zum Beispiel zu 40 Prozent aus Gras bestehen.

Debatte über Rohstoffe

„Die Pappschalen für Äpfel im Supermarkt sind oftmals aus diesem Graspapier“, sagt Caroline Kaiser. Mit dieser Station wird ebenso eine Debatte über Rohstoffe angestoßen wie mit Infos über ein Verfahren, in dem Altpapier ohne den Einsatz von großen Wassermengen wieder zu Fasern für neues Papier gemacht werden kann. „Mich hat zum Beispiel fasziniert, dass ein Spezialpapier auch in der Landwirtschaft gebraucht wird, wo es auf dem Feld zum Beispiel kleine Pflanzen schützt und später zu Dünger zerfällt. So kommt es, dass in der Ausstellung auch Salatköpfe zu sehen sein werden“, sagt Hollenbeck, der außerdem Papier als nachwachsenden Baustoff und Duftpapier der Dürener Firma Reflex zum Thema macht.

„Im vierten Teil der Ausstellung geht es darum, wie Papier die Gesellschaft ordnet. Mit Hilfe von Papier dokumentieren, verwalten und organisieren wir — unser Wissen, unseren Besitz, unsere Werte“, sagt Caroline Kaiser und nennt Verwaltungsdokumente und Ausweise als Beispiele. In diesem Zusammenhang spielt aber auch der Wandel zum Digitalen eine Rolle. Vor Google Maps waren die Landkarten, vor Wikipedia das gedruckte Lexikon. Das verändert die Gesellschaft. Und an diesem Punkt können die Besucher in der Ausstellung auch mit einer etwas provokanten Überraschung rechnen.

Zum Abschluss des Rundgangs wird Kunst auf und aus Papier gezeigt, und damit gibt es wechselnde Einblicke in die Sammlung des Papiermuseums.

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