Düren: Dürener Schlachthof: Ungewöhnlicher Exportschlager

Düren: Dürener Schlachthof: Ungewöhnlicher Exportschlager

Natürlich Papier. Oder Glas von Peill & Putzler. Die Medienfassaden der Gebrüder Kufferath. Teppiche von Anker — all das fällt einem ein, wenn man darüber nachdenkt, was Düren stark gemacht hat und noch stark macht, beziehungsweise weit über Dürens Stadtgrenzen hinaus hoch geschätzt wird.

Was kaum einer weiß: Auch der Dürener Schlachthof ist eine Art Exportschlager. Das Konzept dieses Schlachthofes findet sich in ganz Europa wieder, mindestens 70 Mal.

Bis Mitte der 1980er Jahre war der Schlachthof Moers (Foto links) in Betrieb. Reste des Gebäudes stehen unter Denkmalschutz. In Oldenburg hat Walter Frese eine komplette Fleischwarenfabrik gebaut. Zur damaligen Zeit der größte fleischverarbeitende Betrieb Deutschlands. Foto: Stadtarchiv Moers/Stadtmuseum Oldenburg

Am 3. Juli 1901 ist der Dürener Schlachthof eingeweiht worden. Entworfen hatte ihn zwar ein Stadtbaurat aus Bonn, aber der Architekt Walter Frese, der seit 1899 bei der Stadt Düren als „bauleitender Architekt“ angestellt war, setzte den Entwurf um. Dafür gab es in Düren viel Lob: Er sei „in seltener Weise ausgerüstet mit allen erforderlichen technischen Kenntnissen, habe selbstständig die einzelnen Bauten und Anlagen geleitet und dabei einen außerordentlichen Eifer, verbunden mit großem Geschick entwickelt“, findet sich ein Vermerk. Dennoch geriet Frese in Vergessenheit.

Der von Frese entworfene alte Schlachthof in Soest (unten links) wird heute als Kulturzentrum genutzt. Der Schlachthof Godesberg (unten Mitte) im Jahr 1912. Der Schlachthof Eschweiler entstand im Jahr 1905. Überdauert haben nur die Hallen. Foto: Thomas Wachtendorf / Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn

„Es gab einzelne Anfragen zu diesem Architekten. Das wurde dann plötzlich immer mehr“, erzählt Dürens Denkmalpflegerin Heike Kussinger-Stankovic, die darauf hin selbst auf die Suche nach dem weitestgehend unbekannten Architekten gegangen ist und Verblüffendes herausgefunden hat. Eine Personalakte konnte Heike Kussinger-Stankovic im Archiv der Stadt zwar nicht mehr finden, aber dennoch viele weitere Einzelheiten aus dem Leben von Walter Frese zusammentragen. Nur ein Jahr nach der Einweihung des Dürener Schlachthofes hat sich Frese selbstständig gemacht und ein Architekturbüro in Düren eröffnet. Frese hatte schon beim Bau des Dürener Schlachthofes die damals modernsten Hygiene-Standards umgesetzt.

Der von Frese entworfene alte Schlachthof in Soest (unten links) wird heute als Kulturzentrum genutzt. Der Schlachthof Godesberg (unten Mitte) im Jahr 1912. Der Schlachthof Eschweiler entstand im Jahr 1905. Überdauert haben nur die Hallen. Foto: Thomas Wachtendorf / Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn

Nachdem der Unternehmer Carl Linde die ersten Kühlanlagen entwickelt hatte, wurden ab den späten 1870er Jahren deutschlandweit Schlachthöfe gebaut. Frese hatte in Düren ein Prinzip umgesetzt, was simpel ausgedrückt so funktionierte: Auf der einen Seite wurden die Tiere lebend angeliefert, auf der anderen Seite kamen sie tot wieder heraus. Ein sehr geradliniger Produktionsweg, der half, die Hygiene deutlich zu verbessern. „Das war die Industrialisierung des Schlachtvorgangs“, fasst Heike Kussinger-Stankovic das Prinzip zusammen. Genau dieses Prinzip hat Frese immer weiter ausgebaut und vor allem umgesetzt.

Der von Frese entworfene alte Schlachthof in Soest (unten links) wird heute als Kulturzentrum genutzt. Der Schlachthof Godesberg (unten Mitte) im Jahr 1912. Der Schlachthof Eschweiler entstand im Jahr 1905. Überdauert haben nur die Hallen. Foto: Thomas Wachtendorf / Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn

Als nächstes baut der Architekt aus Düren den Schlachthof in Eupen, eine Stadt, die bis zum 1. Weltkrieg noch zu Preußen gehörte. Den Plan hatte er schon im Jahr 1901 entworfen, als er noch bei der Stadt Düren angestellt war. Es folgten weitere Schlachthöfe in der Region: Eschweiler, Stolberg, Würselen und Erkelenz.

Zwar hatte Frese zunächst auch Wohn- und Geschäftshäuser, elektrische Bushaltestellen, Bedürfnisanstalten oder städtische Elektrizitätswerke geplant und umgesetzt — zu seinem Spezialgebiet entwickelten sich aber die Schlachthöfe — und das europaweit. 1910 siedelte Frese nach Bonn um, baute den Schlachthof in Godesberg. Nach dem 1. Weltkrieg der nächste Umzug: Frese lässt sich in Berlin nieder, erst am Kurfürstendamm, später in Charlottenburg und im Grunewald.

Etwa 40 Schlachthöfe hat er da schon konzipiert und gebaut — von Oldenburg bis Saarbrücken, von Bochum bis Neuss, von Moers bis Elberfeld. Am Ende werden es mehr als 70 Schlachthöfe sein, die Frese bis Mitte der 1940er Jahre gebaut hat — inzwischen auch in ganz Europa, zum Beispiel in Istanbul, Zagreb, Sofia oder im besetzten Polen. „Man sieht immer ganz genau, zu welcher Zeit seine Bauwerke entstanden sind. Frese hat in seine Entwürfe immer auch Elemente aufgenommen, die dem Zeitgeist entsprachen“, erklärt Heike Kussinger-Stankovic. Frese galt da längst als Experte für Bauten, in denen der Einsatz modernster Kühltechnik gefragt war.

Und er ging frühzeitig einen Schritt weiter: Zum reinen Schlachthof konzipierte er die angeschlossenen Fabriken zur Konservierung des Fleisches. So zum Beispiel Mitte der 1920er Jahre in Oldenburg, wo Frese gleich eine ganze Fleischwarenfabrik entwarf. Dass der Architekt davon ganz gut leben konnte, zeigte sich 1936, als er sich um die Mitgliedschaft in der Akademie der Künste in Berlin bewarb. Da gab er sein steuerpflichtiges Jahreseinkommen mit 29.700 Reichsmark an — Angestellte verdienten im gleichen Jahr zwischen 1500 und 2400 Reichsmark im Jahr.

Bei all dem, was Heike Kussinger-Stankovic über diesen besonderen Architekten aus Düren herausgefunden hat, bleibt er dennoch eine Art Phantom. „Es gibt kein einziges Bild von ihm bei uns im Archiv“, sagt sie. Stattdessen hat sie eine erstaunliche Heiratsurkunde aufgefunden. Walter Frese, protestantischer Preuße, hat 1905 in Düren geheiratet — die katholische Witwe Sophie Hütten (oder Hüllen), geborene Kappes. Die stammte aus Düren, war elf Jahre älter als Frese und hatte sechs Kinder. Trauzeuge war zudem ihr ältester Sohn. „Für diese Zeit war eine solche Hochzeit schon erstaunlich“, sagt Heike Kussinger-Stankovic.

Ob es noch Nachfahren der Witwe Hütten in Düren gibt, ist unklar. Auch was nach Ende des Zweiten Weltkrieges aus Walter Frese wurde, ist nicht eindeutig geklärt. Zwar findet sich in einer „Fachzeitschrift für das gesamte Gebiet der Kälteerzeugung, Kälteanwendung und Klimatisierung“ im Februar 1949 ein Eintrag, dass Walter Frese am 14. Januar 1949 „kurz vor Vollendung seines 77. Lebensjahres bei einem Geschäftsgang einem Herzschlag“ erlegen sei, klar belegt ist das aber bisher nicht.

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