Kleiner Gebetsraum in privatem Wohnhaus: Dürener Juden beten heute im Verborgenen

Kleiner Gebetsraum in privatem Wohnhaus : Dürener Juden beten heute im Verborgenen

Der grausame Anschlag auf eine Synagoge in Halle an der Saale halt nach – auch in Düren. Peter Becker (Name geändert) ist einer von rund 30 Juden, die heute noch in der Rurstadt leben. Er erzählt, wie er den Anschlag erlebt hat und ob er als deutscher Jude Angst hat.

Von Sandra Kinkel

„Ich habe erwartet, dass irgendwann in Deutschland ein antisemitischer Anschlag passieren wird. Das, was in Halle passiert ist, ist furchtbar. Aber ich bin froh, dass es am Ende so glimpflich abgelaufen ist.“ Der, der diesen Satz sagt, – nennen wir ihn Peter Becker – ist 57 Jahre alt, Dürener und vor sechs Jahren zum Judentum konvertiert. Seinen richtigen Namen möchte er nicht in der Zeitung lesen. „Schon damals war das Thema Sicherheit relevant“, sagt Becker, der nicht mit einer Kippa durch die Stadt läuft, dessen Freunde und Arbeitskollegen aber wissen, dass er Jude ist. „Und es gibt sogar Rabbiner, die einem abraten zu konvertieren. Wegen der Sicherheit, aber auch, weil man vielleicht Freunde verliert und sein Umfeld sich verändert, wenn man zum Judentum konvertiert. Zum Beispiel schon allein deshalb, weil man andere Feiertage hat.“

Becker stammt aus einer, wie er selbst sagt, „rheinisch-katholischen Familie“. Ich habe mich irgendwann in der Kirche nicht mehr aufgehoben gefühlt und bin ausgetreten. Dann habe ich aber auch etwas vermisst. Über jüdische Musik ist schließlich der Kontakt zum Judentum entstanden.“ Zunächst hat Becker sich in einer progressiven Kölner Gemeinde engagiert, heute gehört er zur jüdischen Gemeinde in Aachen.Vor fünf Jahren hat er in seinem privaten Wohnhaus in Düren einen jüdischen Gebetsraum eingerichtet, dessen Adresse er aber auch nur nach vorheriger Anfrage per E-Mail weitergibt.

Den Anschlag von Halle am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur nennt Becker, der für seine Kölner Gemeinde für die Sicherheit zuständig war, „eine Folge von Staatsversagen“: „Dass das Gotteshaus an unserem höchsten Feiertag nicht überwacht war, ist aus meiner Sicht ein Skandal. Zum Glück wird das in Nordrhein-Westfalen anders gehandhabt. Dass nicht mehr passiert ist, lag nur daran, dass der Täter zu dumm war, funktionierende Waffen zu bauen. Dieser Gedanke ist schrecklich.“ An der Aachener Synagoge gebe es Sicherheitspersonal und eine umfangreiche Sicherheitsausstattung, die Becker nicht näher beschreiben will. „Zudem steht immer ein Streifenwagen vor der Tür. Nach dem Anschlag in Halle am Donnerstag waren es sogar zwei. Für manche mag das beklemmend klingen, mir gibt es ein Gefühl der Sicherheit. Israel ist vermutlich einer der wenigen Orte dieser Welt, an dem Synagogen nicht automatisch bewacht sind. Wir sind daran gewöhnt.“

Erschrocken und bedrückt

Als er am Donnerstag von den Anschlägen in Halle erfahren hat, war Becker auf dem Weg zum zweiten Jom-Kippur-Gottesdienst in die Synagoge. „Ich war wirklich erschrocken und sehr bedrückt.“ Becker sagt, dass es in Deutschland immer schon latenten Antisemitismus gegeben habe. „Mittlerweile habe ich das Gefühl, dass Antisemitismus hoffähig wird – auch, weil man im Internet anonym fast alles verbreiten kann, ohne dass es Konsequenzen hat.“ Für Becker macht es keinen Unterschied, ob antisemitische Anschläge in Deutschland oder irgendwo sonst auf der Welt passieren. „Antisemiten sind überall Arschlöcher“, sagt er sehr deutlich. „Entscheidend ist doch, wie die Gesellschaft damit umgeht.“

Becker wünscht sich vor allem, dass die Menschen in den entsprechenden Situationen Zivilcourage zeigen. „Das setzt aber voraus, dass man sich im Vorfeld mit dem Judentum beschäftigt. Außerdem braucht es das notwendige Geld und den politischen Willen, militanten Rechtsextremismus immer wieder mit Nadelstichen zu stören. Es ist traurig, dass erst so etwas Schreckliches wie in Halle passieren muss.“

Angst hat der 57-Jährige auch nach dem Anschlag von Halle nicht – nicht beim Besuch der Aachener Synagoge und auch nicht, wenn er in seiner Heimatstadt Düren unterwegs ist. „Ich bin einmal aus Versehen mit meiner Kippa in die Stadt gegangen, ohne dass das irgendwelche Konsequenzen gehabt hat.“ Falls es die Sicherheitslage erfordere, würden er und seine Frau schon darüber nachdenken, nach Israel auszuwandern. „Bisher gibt es dafür für uns in Düren aber keinen Grund.“

Was Becker dagegen deutlich mehr Sorge bereitet, ist die Tatsache, dass die Gesellschaft sich seiner Meinung nach immer mehr polarisiert. „Es wird überhaupt nicht mehr vernünftig argumentiert. Das trifft auf den Bereich Antisemitismus zu, aber beispielsweise auch auf den Klimaschutz.“

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