Düren: vor 80 Jahren wurde die Synagoge zerstört

Dürener Synagoge in Brand gesteckt: Wie sich damals so viel Hass entwickeln konnte

Es ist 80 Jahre her: Am Morgen des 10. November wurde die Dürener Synagoge bei den Novemberprogromen zerstört. Wie konnte sich dieser Hass entwickeln? Warum ist es wichtig, die Erinnerung daran hoch zu halten und was bedeutet es für unseren Umgang mit Menschen anderer Kulturen heute? Redakteur Burkhard Giesen hat darüber mit dem Dürener Historiker Dr. Horst Wallraff gesprochen.

Bei den Pogromen vor 80 Jahren wurden in Düren jüdische Geschäfte geplündert, die Synagoge in Brand gesteckt und jüdische Bürger verhaftet. Wie konnte sich damals so viel Hass gegen eine Gruppe von Menschen richten?

Dr. Horst Wallraff: „Hass“ war in Hitlers Weltbild und im Rahmen der nationalsozialistischen „Weltanschauung“ ein ganz zentraler, ja prägender Begriff. So sagte der Dürener NSDAP-Ortsgruppenleiter Robert Mumm bei einer nächtlichen Kundgebung im Kinosaal der „UT-Lichtspiele“ wörtlich, dass der Nationalsozialismus wegen der „zerstörerischen Kraft des Weltjudentums Deutschland zum Spielball rassefremder Elemente“ geworden und deshalb gezwungen sei, „den Hass zu predigen“. Und diese Indoktrinierung in Richtung Juden-„Hass“ gab es nicht erst seit 1933, sondern lässt sich durch die Jahrhunderte zurückverfolgen; die Spitze dieser „Hass“-Pyramide auf alles „Jüdische“ und „Fremde“ war dann mit dem Nationalsozialismus erreicht und erlebte mit den antizivilisatorischen Ausschreitungen der „Reichskristallnacht“ einen ersten Höhepunkt.

Sie haben bei Ihren Recherchen nochmal herausgefunden, dass – anders als in weiten Teilen des damaligen Reiches – die Pogromnacht in Düren gar nicht in der Nacht vom 9. auf den 10. November stattgefunden hat, wie es an der Gedenkstele in der Schützenstraße beschrieben ist. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Wallraff: Das liegt wohl darin begründet, dass der Begriff „Reichskristallnacht“ – richtiger eigentlich: „Reichspogromnacht“ – das Wort „Nacht“ enthält und sehr unpräzise, wenn nicht sogar irreführend ist. Denn es hat in der Woche vom 7. bis zum 14. November 1938 an vielen Orten in Deutschland in einigen Nächten und selbst am hellichten Tag – in Düren am Morgen des 10. Novembers – Plünderungen jüdischer Geschäfte und Zerstörungen von Synagogen gegeben. Die erwähnte Hass-Rede des Dürener Ortsgruppenleiters Robert Mumm fand übrigens am Sonntag, 13. November, zur Zeit der Spätvorstellung im Dürener „UT-Kino“ statt und hatte sich, wie der „Westdeutsche Beobachter“ am darauf folgenden Montag schrieb, „nach den Ereignissen der vergangenen Woche von selbst“ ergeben. Damit war das Attentat des 17-jährigen Juden Herschel Grünspan auf den deutschen Legationsrat Ernst vom Rath vom 7. November 1938 gemeint, der am Nachmittag des 9. Novembers seinen Schussverletzungen erlegen war, was wiederum Hitler und Goebbels als Fanal für eine Pogromnacht propagandistisch weiter ausschlachteten. Allerdings sollten mit Rücksicht auf die öffentliche Meinung im Ausland diese antijüdischen „Aktionen“ spontan und „dem Volkswillen“ entsprungen erscheinen.

Den Hass auf alles „Jüdische“ und „Fremde“ und die vermeintlich spontanen Aktionen musste man aber ja auch vor sich selbst rechtfertigen. Düren war und ist katholisch, auch 1938 gab es moralische Mindeststandards. Wie konnte sich ein politisches Klima entwickeln, in dem Hass und Ausschreitungen fortan zum Alltag gehörten?

Wallraff: Isolierung, Ausgrenzung, Entrechtung, Enteignung, Vernichtung – in dieser Reihe etwa entwickelte sich das politische Klima für die Menschen jüdischen Glaubens im NS-Staat. Die Bedeutung des Hass’ – im Verbund mit „Kampf“ und „Krieg“ – für Hitler und die gesamte nationalsozialistische Ideologie habe ich bereits angesprochen. Wenn solche Termini gepredigt werden und dazu dann noch die niederen Eigenschaften des Menschen wie Hochmut, Habgier, Wut, Selbstsucht, Neid und Feigheit – übrigens sechs der sieben Todsünden im Katholizismus – freigesetzt oder gar gefördert werden, ist jedes noch so hehre Ideal rasch perdu.

Die Dürener Synagoge an der Schützenstraße wenige Tage vor der Zerstörung bei den  Novemberprogromen. Foto: Stadt- und Kreisarchiv Düren/Wienand Gülpen

Das war vor 80 Jahren. Warum ist es aus Ihrer Sicht wichtig, die Ereignisse lebendig zu halten?

Wallraff: Die sieben Todsünden sind zeitlos, das gilt umgekehrt natürlich auch für die Tugenden des Menschen – insofern spielt der zeitliche Abstand gar keine Rolle. Dass Ausgrenzung und Hass immer unheilvoll sind, ist allen Menschen bekannt – nur wird und wurde es oft vergessen!

Mit anderen Worten: Wenn wir uns dieser Geschehnisse erinnern, kann es im Idealfall helfen zu überprüfen, wo wir heute Menschen ausgrenzen, wo es wieder Hass gibt?

Wallraff: Natürlich.

Die Angst vor dem „Fremden“ ist auch heute wieder weit verbreitet. Asylbewerberheime werden angezündet, die anfängliche Willkommenskultur ist der Angst gewichen und wird von populistischen Politikern bewusst geschürt. Sehen Sie Parallelen zu früher?

Wallraff: Soziologische Parallelen ja, historische Analogien nein. Die Attacken auf Asylbewerberheime sind die Taten weniger, in den allermeisten Fällen selbst in prekären Verhältnissen lebender Versprengter, während Ereignisse wie die der „Reichspogromnacht“ ganz bewusster, vom Staat gelenkter Terror von vielen – oft bürgerlichen – „Volksgenossen“ gegen wenige Andersgläubige – Juden – war. Ich denke, dass die Willkommenskultur ein hehres Ideal ist, das sehr ungeschickt in die Realität zu überführen versucht worden ist.

Dennoch erleben wir, dass Populismus zur Regierungsform wird, Ausgrenzung zunimmt, Menschenrechte abgebaut, bestehende Gesetze ignoriert oder umgekehrt die Rechtsprechung in Frage gestellt werden und das in der Breite auf Akzeptanz stößt. Warum schaffen wir es nicht, unsere Angst vor dem „Fremden“, vor anderen Religionen oder Kulturen abzulegen?

Wallraff: Vielleicht auch, weil diese Religionen – wir reden hier ja wohl vorrangig vom Islam – auch mehr dafür tun sollten, Ängste und Abgrenzungen abzubauen und nicht zu forcieren. Aber das ist meines Erachtens nicht entscheidend. Entscheidend ist vielmehr die zumindest unterbewusste Erkenntnis sehr vieler Zeitgenossen, dass wir hinter Pluralismus und Globalisierung gar nicht mehr zurückgehen können. Es gibt kein Zurück zu der Welt, wie wir sie noch bis ins erste Jahrzehnt des neuen Jahrtausends gekannt haben. Migration ist auch ein Preis für Globalisierung und Digitalisierung. Sie ist ein Signum der modernen Welt.

Schauen wir nochmal auf Düren: Ausgrenzung findet auch hier statt. Man hat schnell sein voreingenommenes Urteil über Stadtbezirke wie Düren-Nord oder Düren-Südost parat. Was kann ich in meinem Umfeld tun, um in der von Ihnen beschriebenen modernen Welt sicherzustellen, dass sich aus Angst nicht wieder Hass oder wie vor 80 Jahren brutalste Gewalt entwickelt?

Wallraff: Auch wenn es etwas moralinsäuerlich klingen mag: Akzeptanz statt Ab- und Ausgrenzung, Kompromiss statt Konfrontation, Verständnis statt Vorurteile. Aber auch ganz konkrete, gewissermaßen physische infrastrukturelle Eingriffe können eine stärkere Anbindung und Vermischung der (vielleicht zu) verschiedenen Stadtteile befördern und bewirken. Der Dürener Masterplan ist in dieser Hinsicht sicher ein großer Schritt.

Mehr von Aachener Zeitung