Dieter Nuhr hält in der Arena einen Appell gegen Wut und Empörung

Dieter Nuhr in der Arena Kreis Düren : Einfach mal die Klappe halten und glücklich sein

Früher war alles besser. Klingt gut. Aber war es das wirklich? Extreme Luftverschmutzung in Industriestädten, hohe Sterblichkeit, fast kein Jahrzehnt ohne Krieg. „Seit 70 Jahren leben wir in Europa in Frieden – und heulen uns die Ohren voll“, prangerte Kabarettist Dieter Nuhr den beinahe zur universalen Religion erklärten Fatalismus an, der uns Menschen davon abhalte, einfach mal die Klappe zu halten und glücklich zu sein.

In der ausverkauften Arena Kreis Düren hielt er eine flammende Rede für Demokratie und die Fähigkeit, Kompromisse zu schließen – und gegen den „real existierenden Alarmismus“, gegen Wut und Empörung.

Flammend ist eher symbolisch gemeint, denn Nuhr redet, wie er nun einmal redet. Nicht übereilt, sehr bedacht, mit Pausen, um Denkanstöße zu verarbeiten. Mit meist klugem Humor, mancher handverlesenen Provokation und rhetorischen Kapriolen, die zur Untermauerung des Eindrucks dienen, als rede Nuhr nur so vor sich hin. „Nur hier, nur heute“ heißt das Programm, in dem Dieter Nuhr ohne Firlefanz, ohne Lichtshow und Nebelmaschine in Düren auf der Bühne stand – und uns als Gesellschaft den Spiegel vorhielt. Einfach so, im Gespräch. Beiläufig fast, aber umso wirkungsvoller.

Hipster und halbe Hähnchen

In der einen Sekunde philosophierte er noch darüber, wie schön es ist, in der Provinz noch ein halbes Hähnchen zu bekommen, was in den Hipster-Läden Berlins schon unmöglich geworden ist. In der anderen Sekunde fragte er sich, was die „Merkel muss weg!“ skandierenden intellektuellen Provinzler in anderen Regionen der Republik wohl tun, wenn Merkel am Ende ihrer Amtszeit weg ist. „Die Leere in den Köpfen dieser Menschen hat mit der Frau nichts zu tun“, fragte sich Nuhr, was eigentlich schiefgelaufen ist in den vergangenen Jahren. „Ich lebe gerne hier. Weil es ist okay hier“, rief er allen „Irren, Spackos und Empörern“ zu, die aus seiner Sicht zunehmend den Ton in der öffentlichen Debatte angeben und „keine Lust mehr auf Kompromisse haben“. Was das für eine Gesellschaft bedeutet? Nuhr: „Den Zustand, in Kompromissen zu leben, nennt man Zivilisation. Diesen Zustand würde ich gerne aufrecht erhalten.“

Alle bekloppt?

Die Frage, ob den alle Menschen bekloppt geworden sind, beantwortete der Kabarettist gleich selbst. „Während der Bekloppte früher an der Theke in sein Glas war und er mit dem Wirt nur einen Follower hatte, verbreitet sich Schwachsinn heute im Internet wie Genitalherpes.“ Seit 30 Jahren steht Nuhr auf der Bühne, „seit 30 Jahren wird die Welt langsam aber stetig besser“, betonte er. Nur komme dies offenbar bei einem Großteil der Menschen nicht mehr an. In den Medien und im Netz werde dafür das „Erregungspotenzial aufrecht erhalten“, Panik geschürt und munter über Katastrophen berichtet als gebe es kein Morgen mehr.

Nuhrs Appell, mehr Wertschätzung für das aufzubringen, was diese Welt für uns bereit hält, kam gut an in der Arena. Dass er in seiner Argumentation beizeiten etwas banalisierend unterwegs ist und sich damit der Rhetorik der Empörer und Wutbürger zumindest annähert, stört vermutlich nur die, die sich ohnehin aufregen wollen. Nach zwei Stunden Denkanstößen à la Nuhr gilt es, das Positive in der Welt zu suchen. Nicht nur hier und heute, sondern jeden Tag aufs Neue.

(sj)