Düren: Die Zukunft hinter dem Rechenschieber

Düren: Die Zukunft hinter dem Rechenschieber

Das ewig gleiche Lied vom Sparen ist zwar kein richtiger Hit, ein Ohrwurm allerdings schon. Weghören geht nicht so recht, weil er derzeit über sämtliche Kanäle der Politik dudelt.

Wegen der so genannten Eurokrise und sinkender Steuereinnahmen sind harte Einschnitte wohl unvermeidlich, tönt es allenthalben. Die Frage lautet nur: wo? Der hessische Ministerpräsident Roland Koch (CDU) ließ unlängst verlautbaren, dass auch im Bereich der Bildung und Kinderbetreuung keine Spar-Tabus gelten dürften. Daran scheiden sich offensichtlich die Geister.

„Der größte Blödsinn”

„Das ist der größte Blödsinn, den man machen kann”, erteilt Gisela Baumsteiger, die Leiterin des katholischen Kindergartens St. Anna in Düren, dem kontrovers diskutierten Vorstoß eine deutliche Absage. „Der Herr Koch sollte sich einen Kindergarten mal von innen anschauen.”

Baumsteiger befürchtet, dass nun der Rechtsanspruch für die Betreuung der unter Dreijährigen wieder gekippt werden könnte. Eine Milchmädchenrechnung, findet die Kindergartenleiterin. Denn viele Familien könnten ohne zweites Gehalt nicht überleben. Und ohne entsprechende Betreuungsplätze für ihre Kinder werde die Existenzgrundlage von Doppelverdienern in Frage gestellt. Diese würden dann in die Grundsicherung rutschen. „Das schadet der Wirtschaft letztlich nur”, sagt Baumsteiger. Sie sagt auch: „Bei der Bildung anzusetzen heißt, bei den Schwächsten anzusetzen.”

In dieselbe Kerbe schlägt auch der Direktor der Gesamtschule Langerwehe, Heinz Moll: „Der Generationenvertrag muss weitergeführt werden, und dazu braucht es Geld.” Gut ausgebildete und befähigte junge Leute seien der entscheidende Faktor für die Zukunft. All das, was heute gestrichen werde, falle schon morgen auf die Gesellschaft zurück, da ein großer Aufwand betrieben werden müsse, um die Fehler der Vergangenheit wieder gutzumachen, ist Moll überzeugt. „Da darf auf gar keinen Fall gespart werden.”

Und wie steht die Kommunalpolitik zur Spardebatte? Für keine gute Idee hält es der jugendpolitische Sprecher der SPD in Düren, Ulf Opländer, den Rotstift dort anzusetzen, wo die Folgen „am wenigsten Nachhaltigkeit sind und sich binnen kurzer Zeit in ihr Gegenteil verkehren”. Es gehe auch darum, Deutschland wettbewerbsfähig zu halten durch die Investition in die Jugend. Opländer: „Wir brauchen alle Menschen in dieser Bildungsgesellschaft und können auf niemanden verzichten.” Die „Überwindung des dreistufigen Schulsystems” sei ein entscheidender Schritt in die richtige Richtung, ein Umsteuern allein aufgrund „fiskalischer Überlegungen” hingegen der falsche Ansatz, glaubt Opländer.

Thomas Floßdorf (CDU), der Vorsitzende des Jugendhilfeausschusses der Stadt Düren, plädiert dafür, erst alle anderen denkbaren Einsparpotenziale auszuschöpfen, bevor es an den Bildungssektor geht. Völlig ausschließen kann er dies nicht. Nur: „Es kommt darauf an, wie man etwas macht. Am Personal zu sparen, halte ich für falsch, aber Synergieeffekt lassen sich zum Beispiel nutzen, indem man Schulgebäude zusammenlegt.” Kürzen im „klassischen Sinne” sei nicht das Mittel der Wahl, es müssten vielmehr bestehende Strukturen optimiert werden.

Auf lange Sicht rechne sich die Investition in Bildung immer, weiß Floßdorf. Und die Politik sei klug beraten, dies nicht zu vergessen. Die Finanzdebatte jetzt zu führen, hält er für richtig. Allerdings dürfe sie keine „Kurzschlussreaktion” verursachen.

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