Ex-Forstamtsleiter Konrad Hecker über Hitze, Dürre und Borkenkäfer: „Die Waldkatastrophe betrifft uns alle“

Ex-Forstamtsleiter Konrad Hecker über Hitze, Dürre und Borkenkäfer : „Die Waldkatastrophe betrifft uns alle“

„Der Wald“, sagt Konrad Hecker , „ist in Sachen Klimawandel gleichzeitig Opfer und Heilmittel. Weil er nämlich CO2 binden kann.“ Hecker ist 65 Jahre alt und Leiter des Regionalforstamtes Rureifel-Jülicher Börde – bis zu seiner Pensionierung in weniger als drei Wochen.

Im Sommerinterview mit Sandra Kinkel erklärt er, wie sehr die Wälder in unserer Region mit Hitze, Dürre und Borkenkäfer zu kämpfen haben und was passieren muss, damit die Bäume wieder gesund werden.

Bundes-Agrarministerin Julia Klöckner will zu einem Waldgipfel einladen. Immer wieder ist zu hören, der Wald sei in keinem guten Zustand. Wie geht es dem Wald in unserer Region?

Hecker: Dem Wald geht es schlecht, das beobachten wir aber nicht erst seit diesem Sommer, sondern schon seit zwei Jahren stark. Eigentlich geht es im Augenblick keiner Baumart wirklich gut.

Was ist denn am schlimmsten: Hitze, Dürre oder der Borkenkäfer?

Hecker: Na ja, in gewisser Weise hängt natürlich alles zusammen. Nehmen wir als Beispiel die Fichte. Die Fichte braucht eigentlich sehr viel Wasser. Bei Dürre und Hitze muss dieser Baum – übrigens genau wie wir Menschen – viel schwitzen. Das schwächt den Baum und er hat weniger Möglichkeiten, sich gegen den Borkenkäfer zu wehren.

Wie wehrt sich denn normalerweise ein Baum gegen dieses Tier?

Hecker: Die Fichte wehrt sich mit Harz gegen den Borkenkäfer. Das kann sie aber eben nur bilden, wenn sie ausreichend Wasser hat.

Was passiert mit Fichten, die vom Borkenkäfer befallen sind?

Hecker: Die Käfer leben zwischen Borke und Stamm. Ein Baum, der voller Borkenkäfer ist, wird nicht mehr mit Wasser und Nährstoffen versorgt, verliert die Rinde, trocknet aus und stirbt ab.

Was bedeutet das?

Hecker: Trockenes Holz ist viel weniger wert als frisches. Wir brauchen das Holz der Fichten für lange, sehr gerade Balken, zum Beispiel als Bauholz beziehungsweise Kanthölzer. Dazu brauchen wir aber frisches Holz. Trockenes eignet sich eigentlich nur noch für Spann- oder Brennholz. Für den Festmeter Spannholz bekommen wir zwischen sechs und acht Euro, für frisches Holz bekamen wir vor dem Preisverfall 90 Euro pro Festmeter. Das ist schon ein riesiger Unterschied. Hinzu kommt noch, dass bei der Verarbeitung einer Fichte zu Spannholz Kosten von 20 bis 25 Euro anfallen. Das lohnt sich also eigentlich überhaupt nicht.

Von was für einer Art Wald sprechen wir überhaupt?

Hecker: Die Hälfte des Waldes in der Eifelregion ist Nadelwald, in erster Linie wachsen hier Fichten. In den Flachlandbereichen herrscht Laubholz vor. Insgesamt haben wir mehr Laub- als Nadelwald.

Ist das historisch begründet?

Hecker: Ja. Ursprünglich, und da spreche ich jetzt vom 19. Jahrhundert, gab es in unserer Region überwiegend Laubwälder, übernutzte Waldgebiete und entwaldete Eifelhöhen. Im Zweiten Weltkrieg wurden riesige Waldflächen zerstört, nehmen Sie als Beispiel nur den Hürtgenwald. Damals wollten die Menschen das Gebiet möglichst schnell wieder aufforsten. Das haben sie mit Fichten getan, weil es in der benötigten Menge Pflanzen einfach damals nur Fichten gab.

Wie kann der Mensch dem Wald helfen? Ihn zu bewässern, ist vermutlich keine Option.

Hecker: Nein, wir können den Wald nicht bewässern und Borkenkäfer bekämpfen, die mittlerweile neben der Fichte auch schon andere Bäume wie Lärche und sogar Buchen befallen, können wir auch nicht. Das einzige, das wir tun können, ist die Bäume, die vom Borkenkäfer befallen sind, zu ernten, bevor sie austrocknen. Und das tun wir auch. Damit schlagen wir zwei Fliegen mit einer Klappe: Wir können für die Bäume einen besseren Preis erzielen, und wir schaffen die Käfer aus dem Wald.

Setzen Sie beim Aufforsten auf andere Baumsorten als die Fichte – zum Beispiel solche, die besser mit Dürre und Hitze fertig werden?

Hecker: Ja, das tun wir schon seitdem ich hier bin, also seit 24 Jahren. Neben der Fichte setzen wir auf Buchen und Douglasien, weil die mit den Witterungsbedingungen deutlich besser klar kommen, als eben beispielsweise die Fichte. Wichtig ist, dass es keine Monokulturen mehr gibt, sondern mindestens immer drei Baumarten in einem Bestand. Der Landesbetrieb Wald und Holz, zu dem unser Forstamt auch gehört, betreibt große Versuchsflächen mit Bäumen, die man eher aus Südeuropa oder Nordamerika kennt, also zum Beispiel Roteiche, Esskastanie und diverse Tannenarten. Wenn es zu einer Verschiebung der Klimazonen nach Norden kommt, kommen eventuell auch andere Baumarten aus südlichen Gefilden in Frage wie Pinien, Schwarzkiefer und Flaumeiche. Aber wir dürfen auch hoffen, dass unsere hiesigen Baumarten jung gepflanzt sich besser an höhere Temperaturen mit weniger Niederschlag gewöhnen können.

Welche Rolle spielt der Wald in Sachen Klimawandel?

Hecker: Der Wald ist Opfer und Heilbringer der Klimakrise zugleich. Wie sehr der Wald unter Dürre und Hitze leidet, haben wir ausführlich besprochen. Um dem Klimawandel etwas entgegenzusetzen, müssten wir eigentliche ein riesiges Aufforstungsprojekt starten und viel mehr Wald anlegen. Der Wald liefert Sauerstoff und er bindet Co2. Das hilft dem Klima.

Haben Sie den Eindruck, dass bei den Menschen ein Umdenken stattgefunden hat? Wollen Sie den Wald besser schützen?

Hecker: Sicher wollen die Menschen den Wald schützen, aber sie verstehen nicht wirklich etwas von den Zusammenhängen. Die Leute müssen die Waldkatastrophe als etwas begreifen, das uns alle betrifft. Und sie müssen verstehen, dass eine nachhaltige Bewirtschaftung des Waldes, wie wir sie seit Jahrzehnten betreiben, überhaupt nicht schlecht ist – weder für das Klima noch für den Wald. Genutzter Wald tut viel mehr für das Klima als stillgelegter Wald. Wir ernten nicht mehr Wald, als nachwächst. Und wir brauchen das Holz auch, beispielsweise um Häuser zu bauen. Dabei ist es viel sinnvoller, wenn das Holz, das benötigt wird, aus unserer Region kommt und nicht von irgendwo aus der Welt. Zum einen, weil es dort nicht so strenge Vorschriften wie in unseren zertifizierten Wäldern gibt. Und zum anderen natürlich, weil es ökologisch auch wenig sinnvoll ist, Holz mit dem Schiff oder dem Lastwagen vom einen Ende der Welt ans andere zu transportieren.

Wie lange wird es dauern, bis der Wald wieder gesund ist?

Hecker: Genau lässt sich das eben nicht sagen, weil es von sehr vielen Faktoren abhängt. Aber selbst wenn es gelingt, den Klimawandel zu stoppen, wird es Jahrzehnte dauern, bis der Wald wieder in Ordnung ist. Dabei wissen wir ja überhaupt nicht, wie sich das Szenario entwickelt.

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