Ein Dorf sieht dem Ende entgegen : Die Morschenicher haben die Schnauze voll

Ein Dorf sieht dem Ende entgegen : Die Morschenicher haben die Schnauze voll

Wie nah das Dorf seinem Ende ist, zeigt nicht nur der wenige Hundert Meter entfernte Schaufelradbagger, sondern auch die Tatsache, dass an diesem schmuddeligen Morgen das größte Treiben am Friedhof herrscht, wo Arbeiter Grabsteine und Statuen verladen. Nicht nur mit jedem Bürger, der fortzieht, wird der Ort in der Gemeinde Merzenich immer trister.

An immer mehr Häusern werden die Rollläden nicht mehr hochgezogen, Türen und Fenster sind verbrettert, die Natur erobert Mauern und Höfe zurück. Das sind die sichtbaren Zeichen der Umsiedlung, die 2013 begonnen hat und 2023 abgeschlossen wird. 2024 erreicht der Bagger das Dorf.

Schön ist es in Morschenich nicht mehr, und doch leben am Rande des Tagebaus Hambach immer noch 214 Männer, Frauen und Kinder, die dort untergebrachten Flüchtlinge nicht mitgezählt. Knapp 500 Einwohner hatte das Dorf einmal, viele aber haben in Neu-Morschenich längst ein neues Zuhause gefunden.

„Situation ist belastend“

Bürger, die noch im Ort leben, zeigen mit Absperrungen und Schildern, wie sie zu angereisten Demonstranten stehen. Foto: Abels/Rose/Berners

Nur die regelmäßig durch den Ort fahrenden Polizeiwagen deuten in diesen Tagen darauf hin, dass die Ruhe in Blickweite des Wiesencamps der Braunkohlegegner entfernt trügerisch ist. Am Samstag wird wieder Ausnahmezustand in Alt-Morschenich herrschen, wie so oft in den vergangenen Wochen, wenn Umweltverbände, Kirchen und Bürgerinitiativen zu Demonstrationen gegen die Braunkohle aufgerufen haben. 10.000 Teilnehmer gibt die Polizei als offiziell angemeldet an, bis zu 20.000 erwarten die Organisatoren.

„Die Situation ist belastend“, sagt Merzenichs Bürgermeister Georg Gelhausen (CDU). In Morschenich sei ein entspanntes Leben seit Beginn der Räumung nicht mehr möglich. Manche Bewohner haben über das offene Feld freien Blick auf das uniformierte Treiben am Waldrand.

Bereits leerstehende Häuser sind mit Schlössern und Zäunen verrammelt. Foto: Abels/Rose/Berners

Die Mehrzahl der Alt-Morschenicher hat nach mehreren Demos in den vergangenen Wochen schlichtweg die Schnauze voll. Aus Angst, selbst Zielscheibe linksautonomer Aktivisten zu werden, will kaum einer seinen Namen in der Zeitung lesen. Schließlich rufen Aktivisten im Internet seit Tagen bereits zum Boykott von Betrieben auf, die mit RWE zusammenarbeiten. „Aber in der Region hängen viele wirtschaftlich von RWE ab, viele sind direkt dort beschäftigt“, sagt ein Anwohner, der vor allem für diesen Teil des Protestes wenig Verständnis hat.

Diejenigen, die der mitunter gewaltsame Massenprotest am härtesten trifft, sind nicht die, die es treffen soll. Zum Beispiel einen Landwirt, der erst in zwei Jahren umsiedeln wird. „Es ist einfach nur furchtbar“, sagt er. „Viele Demonstranten laufen über unsere Felder, egal ob die eingesät sind oder nicht.“

Ein Schild, das wenig nützt. Foto: Abels/Rose/Berners

Der Fußball-C-Ligist SV Morschenich musste vor drei Wochen sein Heimspiel kurzfristig absagen, das wollten die Behörden so, weil so viele Leute im Ort waren, erklärt Lieselotte Hansen aus dem Vorstand. Für die kommenden Spiele hat der Verein das Heimrecht getauscht oder will es noch versuchen. Hansen selbst ist mit der Gewissheit aufgewachsen, dass die Bagger kommen. Seit drei Jahren wohnt sie im neuen Morschenich. Darüber sei sie heilfroh: „Früher waren die Aktivisten noch anders, sie hatten sogar einen Stammtisch, man konnte mit ihnen reden. Später musste man teilweise Angst haben.“ Vieles habe sich zum Negativen entwickelt, wobei sie auch sagt, dass der große Teil der Proteste, die sie in der letzten Zeit erlebt habe, friedlich verlaufen sei.

Dass gewaltloser Protest Rücksichts- und Gefahrlosigkeit nicht ausschließt, hat der Aero-Club erfahren. Er musste seinen Flugbetrieb mit Beginn der Waldräumung ganz einstellen. Die Gefahr, dass ein Demonstrant während eines Starts oder eines Landeanflugs plötzlich über den Flugplatz in direkter Nachbarschaft zum Wiesencamp rennt, sei einfach zu groß, erklärt ein Vorstandsmitglied. 80 Prozent des Weidezauns zum Schutz vor Wildschweinen sei von den Demonstranten ebenso zerstört worden wie Plastikpylonen, die den Anflug auf den Flugplatz erleichtern sollen.

„Ich hoffe, wir bekommen die Schäden ersetzt“, betont das Vorstandsmitglied. Dass sie 2018 noch einmal starten können, glauben die Ultraleichtflieger nicht, schließlich ist zu erwarten, dass die Proteste im Zuge der von RWE ab Mitte Oktober angekündigten Rodungen noch bis zum Jahresende anhalten werden — und damit auch der Polizeieinsatz.

Der Anwohner erzählt auch, dass er vor wenigen Tagen die bis zu 150 Teilnehmer einer kirchlichen Demonstration offen gefragt habe, ob ihnen denn Bäume wichtiger als Menschen seien. „Als es um die Umsiedlung unserer Ortschaft ging, war niemand von Ihnen hier“, habe er ins Mikrofon gerufen. Betretenes Schweigen und vereinzelte, einsichtige Entschuldigungen seien die Antwort gewesen.

„Die wissen nichts über den Ort“

Dass der Ort abgebaggert werde, wüssten auch längst nicht alle der mitunter von weither anreisenden Demonstranten, berichtet eine Anwohnerin. Und ihr Mann sagt deutlich: „Das sind Menschen, die wir überhaupt nicht gerufen haben, die wissen doch nichts über den Ort hier.“

Der Morschenicher Franz-Josef Bolz übte unlängst harte Kritik im Gespräch mit dem Nachrichtenmagazin Spiegel: „Das, was wir Anwohner hier erleben, ist unsäglich. Das Leben ist massiv eingeschränkt, Straßen sind gesperrt, permanent muss man sich ausweisen. Die Polizisten sind teilweise sehr unprofessionell, wissen nicht, dass hier noch Leute leben.“

Die an Demo-Tagen zugeparkten Straßen und die Polizeikontrollen sind auch anderen Morschenichern ein Dorn im Auge. „Ich habe zuletzt über eine Stunde gebraucht, um vom Einkauf in Buir zurück zu kommen“, berichtet Verena Rama — die normale Fahrzeit dauert sechs Minuten. Mehrfach habe sie sich ausweisen und Polizisten überzeugen müssen, dass sie noch in Alt-Morschenich lebt. Die Kontrollen finden statt, weil das Dorf in den Bereich am Hambacher Forst fällt, den die Polizei als „gefährlichen Ort“ deklariert hat. Das bestätigte eine Sprecherin. Beschwerden über Vandalen oder Anzeichen auf Straftaten seien der Polizei aber nicht bekannt.

Bewohner der Unterstraße, die zum Tagebau und Wiesencamp führt, haben einen Vorgarten mit Flatterband und „Betreten verboten“-Schildern versehen. Hinzukommt ein Parkverbotsschild, das unmissverständlich zeigt, welche Abneigung die Eigentümer gegenüber den Demonstranten hegen. Ein älterer Morschenicher ärgert sich über „die Gaffer“. „Viele scheinen keine Rücksicht darauf zu nehmen, dass hier noch Menschen leben“, sagt er.

Der Verlust der Heimat schmerzt viele sehr, manche können es trotzdem nur müde belächeln, dass Menschen, die mit der Region nichts zu tun haben, sich vor Bäume stellen, die ohnehin nicht mehr gerettet werden können. „Was ist denn vom Hambacher Forst noch übrig?“, fragt ein Ur-Morschenicher. Mit dem Wald, den die Älteren noch kennen würden, habe der jetzige längst nichts mehr zu tun.

Wer ein bisschen Reisig holen wolle, habe zuletzt aufpassen müssen, nicht in Fallen der Kohlegegner zu tappen. In einem Wald, der Teil der eigenen, wenn auch vergänglichen Heimat sei. Ein Anderer sagt: „Für uns kommt der Protest zu spät. Und früher hat es niemanden interessiert, wenn die Kettensägen liefen.“ Die Räumung war überfällig, findet er.

Manche, so heißt es, unterstützen den lauten, aber friedlichen Protest, andere die teilweise gewaltbereiten Aktivisten, wieder andere haben die Nase voll — von fremden Unruhestiftern, vom abendlichen Klingeln und der Frage nach Wasser oder einer Dusche. Ein repräsentatives Bild über die Stimmung im Ort lässt sich aber nicht erstellen, weil — so hört man in Gesprächen — auch viele die Presse meiden würden, die seit der Räumung förmlich eingefallen sei.

Bürgermeister Georg Gelhausen, dessen Gemeinde wie so viele Tagebaukommunen zumindest finanziell kein Verlierer des Braunkohlegeschäfts ist, betont: „Die große Zahl der umgesiedelten Bürger und die Zahl derer, die mit RWE in Verhandlung sind, zeigt, dass man die neue Situation als Chance sieht. Ältere nutzen sie, um sich seniorengerecht einzurichten, um ihren Lebensabend im eigenen Haus zu verbringen.“ Auch wenn die Aufgabe der Heimat belastend sei, so überwiege bei den meisten Umsiedlern doch die Freude an einem Neuanfang.

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