Küchenmesser in die Brust gerammt: Die Mord-Anklage ist nun vom Tisch

Küchenmesser in die Brust gerammt : Die Mord-Anklage ist nun vom Tisch

Angeklagt war ein versuchter heimtückischer Mord. Doch im Verlauf des Verfahrens gegen die 41-jährige Marianne S. aus Düren vor dem Aachener Schwurgericht zeichnete sich eine andere Geschichte ab.

Das beschrieb Oberstaatsanwalt Boris Petersdorf am Mittwoch in seinem Plädoyer. Am Abend des 4. Mai dieses Jahres sei nach einer langen Geschichte von Alkohol- und Gewaltexzessen im Leben des Paares Björn und Marianne S. in der ehelichen Wohnung in der Dürener City ein Streit derart eskaliert, dass die Angeklagte am Ende zum Küchenmesser griff und ihrem Ehemann die Klinge in das linke Schulterblatt rammte.

Björn S. schleppte sich mit der Verletzung zum Nachbarn, der rief den Notarzt, S. überlebte. Er habe nur aufhören sollen, sie wie so oft in den vergangenen Jahren anzugreifen und ihr Verletzungen zuzufügen, hatte die unter einer schweren Alkoholabhängigkeit leidende Altenpflegerin in der Hauptverhandlung vor der Kammer unter Vorsitz von Richter Roland Klösgen eingestanden.

Die Polizei gerufen

An diesem Samstag im Mai gab es erneut Streit, der zwischen 20 und 21 Uhr derart ausuferte, dass die Angeklagte ihren jüngeren Bruder und die Polizei anrief. Die kam auch, zog aber nach mehr als einer Stunde ohne Ergebnis wieder ab, der Bruder fuhr ebenfalls wieder nach Hause. Danach setzte sich der Streit fort. Ihr Mann habe sie wieder misshandelt, schilderte die Angeklagte. Das spätere Opfer hatte demgegenüber ausgesagt, sich ausgezogen und auf das Bett im Schlafzimmer gelegt zu haben. Seine Frau habe ihm dort von hinten unbemerkt das Messer in die Schulter gerammt.

Marianne S. schilderte die Ereignisse völlig anders. Die Angeklagte hatte am Ende mehr als Glück, dass der Rechtsmediziner die aufgefundene Spurenlage zu ihren Gunsten beurteilte. Denn Björn S. konnte keineswegs erklären, warum er auch Schnittverletzungen auf der Brust aufwies, die seine Frau ihm ja keinesfalls auf dem Bauch liegend im Bett beigebracht haben konnte.

Die Staatsanwaltschaft ging vielmehr davon aus, dass Björn S. seine Frau in der Küche gewürgt und heftig gegen Küchenmöbel gestoßen hat, sich danach abwandte und ins Schlafzimmer ging. Sie habe sich nicht getraut, an ihm vorbei in den Flur und nach draußen zu gehen, gab Marianne S. an, die nach dem Gutachten der forensischen Psychiaterin einen nahezu pathologischen Zug aufweist, nach dem sie alle Handlungen des Partners erduldet, nur um die Beziehung zu erhalten. Dieses Mal allerdings habe sie gedacht „es ist genug, er soll mir nicht mehr weh tun“ und habe nach dem Küchenmesser gegriffen. Als ihr Mann dann wieder vor ihr stand, habe sie ihn zunächst mit den Stichbewegungen in Richtung seiner Brust fernhalten wollen, als er sich dann umdrehte, stach sie zu.

Inzwischen wertet die Staatsanwaltschaft die Tat als gefährliche Körperverletzung, die Angeklagte sei letztlich von ihrer Absicht, den Ehemann zu töten, zurückgetreten, damit wird dieser Vorwurf fallen gelassen. Petersdorf beantragte eine Strafe von drei Jahren Haft und die unbedingte Unterbringung in einer Entzugsklinik, die Angeklagte hatte bei der Begehung der Tat einen Alkoholisierungsgrad von stattlichen 3,6 Promille.

Gewalttätige Übergriffe

Am Ende des Verfahrens kamen noch einmal ausführlich mehrere gewalttätige Übergriffe des späteren Opfers auf Marianne S. zur Sprache. Selbst im aktuellen Prozess behauptete Björn S. ernsthaft, bei einer Gelegenheit im Jahr 2016 sei sie ihm „in die Faust gelaufen“ und habe deswegen ein Veilchen davongetragen. Auch eine Vergewaltigung stand im Raum, die damals von den Behörden mangels Anzeige allerdings nicht weiterverfolgt wurde.

Der Verteidiger von Marianne S. wertete die gesamte Tat als eine Notwehrhandlung und beantragte Freispruch, das Urteil wird am Freitag, 15 Uhr, im Aachener Landgericht gesprochen.