Birkesdorf: Die Kinderschutzgruppe des St.-Marien-Hospitals erklärt ihre Arbeit

Birkesdorf : Die Kinderschutzgruppe des St.-Marien-Hospitals erklärt ihre Arbeit

Kinderschutz wird im St.-Marien-Hospital groß geschrieben. Die dortige Kinderschutzgruppe wurde nun von der Deutschen Gesellschaft für Kinderschutz in der Medizin für ihre Arbeit ausgezeichnet. Der Initiator der Gruppe und Leitende Oberarzt der Kinderklinik, Dr. Volker Arpe, und seine Kollegin, die Sozialpädagogin Catrin Capell, erklärten unserer Redakteurin Anne Welkener ihre Arbeit.

Was genau macht eine Kinderschutzgruppe?

Volker Arpe: Wir sind Ansprechpartner, wenn der Verdacht auf Kindesmisshandlung besteht. Dann untersuchen wir, führen Gespräche mit Kind und Eltern und leiten, falls erforderlich, weitere Maßnahmen ein.

Kindesmisshandlung — das kann viel bedeuten. Womit haben Sie am häufigsten zu tun?

Arpe: Am meisten beschäftigen uns die drei Bereiche körperliche Misshandlung, sexueller Missbrauch und Vernachlässigung. Die Misshandlung kommt am häufigsten vor, zum Beispiel wenn Kinder geschlagen oder getreten werden. Catrin Capell: Oft kommt es zur Kindesmisshandlung, wenn die Erwachsenen überfordert sind. Bei dieser Überforderung sollte man ansetzen und Eltern frühzeitig Unterstützung anbieten.

Das heißt, die Kinderschutzgruppe wird nicht nur im akuten Fall aktiv?

Capell: Nein, genauso wichtig sind uns Prävention und Nachsorge. Deshalb arbeiten Kinderklinik, sozial-pädagogisches Zentrum und Kinder- und Jugendpsychiatrie sehr eng zusammen. Arpe: Als wir die Gruppe 2009 gegründet haben, haben wir uns auch in der Region nicht nur mit den Jugendämtern, Kinderärzten und der Rechtsmedizin der Uni Köln verknüpft, sondern auch intern ein Netzwerk geschaffen. Wir sind 21 Kollegen in der Kinderschutzgruppe und mit vielen Fachdisziplinen vertreten. Ärzte, Kinderkrankenpfleger, Sozialpädagogen und Psychologen, aber auch Kollegen aus der Röntgenabteilung, der Chirurgie, der Frauenklinik sowie der Kinder- und Jugendpsychiatrie haben sich speziell fortbilden lassen.

Wie ist üblicherweise der Weg der Kinder zu Ihnen?

Arpe: Das Jugendamt, Kinderärzte oder auch Eltern stellen die Kinder in der Kinderschutzgruppe vor.

Wie viele Misshandlungsfälle gab es im vergangenen Jahr?

Arpe: Wir hatten 120 Verdachtsfälle. Davon waren rund 20 Prozent gesicherte Kindesmisshandlungen, definitiv ausschließen konnten wir die Misshandlung bei 48 Prozent und bei den restlichen Kindern konnten wir sie weder ausschließen noch belegen. Auch in solchen Fällen aus dem Graubereich sprechen wir dann mit dem Jugendamt und suchen nach Lösungen, die die Situation für die Familien verbessern könnten.

Auf was kann man achten, wenn man sich um das Wohl eines Kindes sorgt?

Capell: Das sind in erster Linie drei Punkte: das äußere Erscheinungsbild des Kindes, dessen Verhalten und die Entwicklung.

Gibt es auch konkrete Anzeichen, bestimmte Verletzungen, die auf eine Misshandlung hindeuten?

Capell: Ja, schon, und die erklären wir in unseren Fortbildungen bei Schulen, Kitas, Kinderheimen und Jugendämtern. Aber an dieser Stelle möchten wir dazu keine Details nennen, weil die auch Tätern dabei helfen würden, solche Anzeichen bei den Kindern zu verheimlichen.

Verstehe. Nun sind Sie ja nicht erst seit 2009 im Kinderschutz tätig. Hat sich Ihrer Meinung nach die Ausprägung der Kindesmisshandlung verändert?

Arpe: Nein, nicht direkt. Durch die Medien hat sich ein großes Vernachlässigungspotenzial entwickelt. Kinder und Jugendliche sehen und tun Dinge, die sie besser nicht sehen und tun sollten, das ist schwer zu händeln. Ich würde aber sagen, dass sich weniger die Art der Misshandlung, als deren öffentliche Wahrnehmung geändert hat. Seit dem Jahr 2000 ist gesetzlich festgelegt, dass Kinder gewaltfrei zu erziehen sind. Damit war Deutschland spät dran, Skandinavien war da viel schneller. Eine Kollegin hat mir mal erzählt, wie ein Streit zwischen ihr und ihrer Tochter in einer schwedischen Einkaufsstraße so eskaliert ist, dass sie der Tochter eine Ohrfeige gegeben hat. Daraufhin hat sich eine Menschentraube um sie herum gebildet und alle haben ihr klar zu verstehen gegeben, dass das nicht geht. Ich wünsche mir sehr, dass wir in Deutschland da auch hinkommen, dass Menschen nicht wegschauen, sondern ihre gesellschaftliche Verantwortung wahrnehmen.