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Museum Hürtgenwald: Der Streit um die Deutungshoheit

Museum Hürtgenwald : Der Streit um die Deutungshoheit

Auf gewisse Weise wird im Hürtgenwald weiter gekämpft. Es geht um die Art, wie heute vom Krieg erzählt wird.

Gäbe es in Hürtgenwald eine gut erhaltene mittelalterliche Burg als Landmarke, dann wäre die Sache einfacher für den Geschichtsverein. Ritter, Burgenleben, Mittelalterromantik – das lässt sich touristisch nett verpacken und imitieren. Zwar finden Historiker auch im finsteren Mittelalter noch neue Erkenntnisse. In den seltensten Fällen machen diese die Menschen aber heute betroffen. Anders als beim Zweiten Weltkrieg, vor allem auf dem Gebiet des Hürtgenwalds.

„Der Hürtgenwald hat eine lange Geschichte. Aber bei uns wird alles überlagert von dieser einen Episode“, sagt Rainer Valder, der Vorsitzende des Geschichtsvereins. Er redet von den monatelangen Kampfhandlungen im Winter 1944/45, die heute international bekannt sind als Schlacht oder Hölle im Hürtgenwald. Und wegen des Umgangs damit steht das Museum „Hürtgenwald 1944 und im Frieden“ – um im mittelalterlichen Bild zu bleiben – immer wieder am Pranger. Das hat sich auch während der Corona-Pause nicht geändert. Seit März ist das Museum wieder geöffnet. Das Team, im Kern zwölf Ehrenamtler, die regelmäßig vor Ort sind, will den Dialog wieder ins Rollen bringen.

Historiker gegen Lokalhistoriker

Seit Jahren schon ist das Museum selbst eine Art Schlachtfeld im Kampf um die Deutungshoheit. Die Gegner sind studierte Historiker auf der einen Seite und Lokalhistoriker und Museumsmitarbeiter auf der anderen. Erstere kritisieren mitunter heftig, dass der Blick zurück im Hürtgenwald zu verklärt sei. Zweitere fühlen sich bevormundet und überfahren. Miteinander gesprochen haben beide Seiten in jüngster Zeit nur selten, eher übereinander.

Fest steht: Wenn es um die jüngere deutsche Geschichte geht, werden wissenschaftliche Genauigkeit, Einordnung und klare Faktenorientierung gefordert und müssen in Einklang mit der emotionalen, heimatgeschichtlichen Seite des Krieges gebracht werden. Worte werden – stärker als bei anderen Themen – auf die Goldwaage gelegt. Es gibt viel mehr Quellen, die viel mehr Interpretationsspielraum lassen. Der Unterschied zum Mittelalter, das keineswegs romantisch war, ist da erheblich. „Wer vom Zweiten Weltkrieg erzählt, trägt eine andere Verantwortung“, sagt Valder.

Andrea Vitz und Manfred Klinkenberg sprechen über die überarbeiteten Schautafeln.
Andrea Vitz und Manfred Klinkenberg sprechen über die überarbeiteten Schautafeln. Foto: Guido Jansen

Das Museum „Hürtgenwald 1944 und im Frieden“ und dessen Entwicklung ist daher auch ein gutes Beispiel für die schwierige Auseinandersetzung einer Region mit ihrer Geschichte: In dem Museum, das ursprünglich mal als Sammlung von Kriegsgegenständen in einer Scheune in Kleinhau gestartet war, wurde früher vor allem das zusammengetragen, was der Krieg hinterlassen hatte: Waffen und Munition, Bilder der Zerstörung, Schicksale. Historische Einordnung? Eher weniger. Der Kölner Historiker Frank Möller hat seinen Vorwurf, dass das Museum eine Art Kriegs-Puppenstube sei, bis heute nicht zurückgenommen. „Dabei haben wir uns in den vergangenen Jahren immer weiter verändert und die Ausstellung überarbeitet“, sagt Manfred Klinkenberg, einer der zwölf, die regelmäßig im Museum tätig sind. Die Waffenteile sind weniger geworden, weil das Team heute der Meinung ist, „nicht zum x-ten Mal ein Sturmgewehr zeigen zu müssen“, wie Klinkenberg erklärt.

Schautafeln in vier Sprachen

Heute gibt es mehr Schautafeln, auf denen in vier Sprachen zu lesen ist, was im Hürtgenwald passiert ist und wie es überhaupt so weit kommen konnte. Zudem geben sich die Mitarbeiter Mühe, die Gäste durch das Museum zu begleiten, statt die Ausstellung ohne Erklärung über die Menschen kommen zu lassen. „Wir sehen uns als wichtigen Teil der Erinnerungslandschaft Hürtgenwald“, sagt Valder. Die Ausstellung wird persönlicher. Ein sechs Minuten langer Film erzählt beispielsweise die Geschichte von Charles Norman Shag, einem amerikanischen Sanitäter indianischen Ursprungs.

Dieter Heckmann (l.) und Rainer Valder sprechen über die Exponate in einem der großen Räume des Museums, welches immer an den Wochenenden geöffnet ist.
Dieter Heckmann (l.) und Rainer Valder sprechen über die Exponate in einem der großen Räume des Museums, welches immer an den Wochenenden geöffnet ist. Foto: Guido Jansen

An dem militärischen Schwerpunkt hält das Museum trotzdem fest. Die Macher sind überzeugt, dass er an diesem Ort seine Berechtigung hat und funktioniert. 4500 Besucher habe es vor Corona pro Jahr gehabt, wie Mitarbeiter Dieter Heckmann erzählt. Darunter seien viele Schulklassen, aber auch Besucher aus den Niederlanden, Belgien, England und vor allem den USA. So seien viele Kontakte entstanden, beispielsweise zu Veteranen auf beiden Seiten, die damals im Hürtgenwald gekämpft hatten, und zu deren Nachfahren. Aus den Kontakten sind oft Freundschaften geworden, mit denen die Erinnerungen an den blutigen Winter wachgehalten werden. Daraus hervorgegangen sind Geschichten, die im Museum mittlerweile erzählt werden.

Der Vorwurf steht im Raum, dass die gezeigten Waffen zu einem Anlaufpunkt für Militaria-Fans und auch für Personen sein könnten, die den Nationalsozialismus verherrlichen. „Wir distanzieren uns ganz klar von dem Vorwurf, dass wir etwas verherrlichen wollen. Und Personen, bei denen klar ist, dass sie aus solchen Gründen zu uns kommen, die lassen wir überhaupt nicht rein“, sagt Valder.

 Dieter Heckmann zeigt ein Kirchenfenster, anhand dessen er eine Episode der Kämpfe im Hürtgenwald erzählen kann.
Dieter Heckmann zeigt ein Kirchenfenster, anhand dessen er eine Episode der Kämpfe im Hürtgenwald erzählen kann. Foto: Guido Jansen

Experten fordern mehr Einordnung

Die Ausstellung zeigt Szenen des soldatischen Lebens, Waffen und Uniformen. Mit ihr wollen die Mitarbeiter des Museums Einblicke in das Leben der Soldaten im Krieg, in Strategien und Alltag geben. Unterm Strich wollen die Ehrenamtler zum Frieden mahnen. Sie wollen keine Werbung für den Krieg machen, sondern abschrecken.

Den studierten Historikern geht das oft nicht weit genug, sie fordern, dass die Kriegsursachen und die Folgen noch deutlicher herausgearbeitet werden. Das Museumsteam hat darauf reagiert und die Ausstellung in den vergangenen Jahren immer wieder überarbeitet und angepasst, das ist dem Team wichtig. Die Einordnung in Hitlers Vernichtungskrieg bleibt kurz, fehlt aber nicht. Es gibt Bilder der Zerstörung, lokale Geschichte. Der Schwerpunkt ist geblieben. Das muss man nicht mögen, kann es aber interessant finden – ohne gleich ein gewaltverherrlichender Nazi zu sein. Das ist der Standpunkt des Museumsteams.

Manfred Klinkenberg wirbt um Verständnis. Das Museums-Team arbeite ausschließlich ehrenamtlich, zudem stünde nur selten so viel Geld zur Verfügung für Veränderung, wie es sich die Mitarbeiter manchmal wünschen. „Wir verändern uns. Vielleicht geht das nicht so schnell, wie sich das der eine oder andere Experte wünscht. Aber wir sind unterwegs“, sagt Klinkenberg. Auch er sieht die hohe Verantwortung, die das Thema des Museums mit sich bringt. Im Prinzip hätten alle, die sich um die Erinnerung an die blutigen Wochen und Monate im Hürtgenwald bemühen, das gleiche Ziel. Statt über die Geschwindigkeit zu streiten, mit der es erreicht werde, könne man sich gegenseitig helfen.