Düren/Aachen: Der Fall Kufferath: Drei Angeklagte und 30 Millionen Euro Schaden

Düren/Aachen: Der Fall Kufferath: Drei Angeklagte und 30 Millionen Euro Schaden

Für die Beschäftigten der Siebweberei Andreas Kufferath brach im Jahr 2008 eine Welt zusammen: Der Dürener Vorzeigebetrieb rutschte vollkommen unerwartet in die Insolvenz, die Mitarbeiter verloren ihre Jobs und zu allem Überfluss stellte sich heraus, dass der jahrelange geschäftliche Erfolg auf Betrug und gefälschten Bilanzen basierte.

Fünf Jahre lang ermittelte die Staatsanwaltschaft Aachen in diesem Wirtschaftskrimi, bis sie im Oktober 2013 ihre Anklageschrift vorlegte. Am 7. Dezember müssen sich nun drei Angeklagte vor der Wirtschaftskammer des Landgerichts Aachen dem Prozess stellen. Geklärt werden soll dabei die Frage, wer genau für den Schaden in Höhe von rund 30 Millionen Euro verantwortlich ist.

Dem damaligen Insolvenzverwalter Wilhelm Klaas waren die Ungereimtheiten bei den Bilanzen des Unternehmens aufgefallen. Er sprach von kriminellen Machenschaften, „desolaten finanziellen Verhältnissen durch massive Bilanzmanipulationen, Kreditbetrug und weitere strafrechtliche relevante Handlungen“.

Betroffen waren vor allem Banken weit über die Region hinaus. Von einem Schaden von rund 20 Millionen Euro sprach der Insolvenzverwalter im Jahr 2008. Richter Dr. Daniel Kurth, Sprecher des Landgerichtes, gibt die Schadenssumme heute inzwischen mit 30 Millionen Euro an. So sei in 17 Fällen mit den gefälschten Bilanzen Kredite erschlichen worden, die nach der Insolvenz nicht mehr bedient werden konnten.

Kreativ war man bei der Siebweberei Andreas Kufferath — die in keiner Verbindung zum Unternehmen GKD Gebrüder Kufferath stand — aber nicht nur im Bereich der Buchführung und der Bilanzen: Verhandelt wird auch ein „Betrug zum Nachteil von Leasinggesellschaften“, wie Dr. Daniel Kurth es formuliert. Dabei wurde beispielsweise eine Maschine gleich an drei verschiedene Unternehmen verliehen und wieder zurückgeleast. Allein hier sei ein Schaden von rund einer Million Euro entstanden.

Ein Schock war die Erkenntnis des Insolvenzverwalters 2008 auch deshalb, weil man bis dahin davon ausging, dass der plötzliche Tod von Firmenchef Franz Ferdinand Kufferath das Unternehmen in die Krise geführt hatte.

Statt des Firmenchefs müssen sich nun der damalige Geschäftsführer Dr. Heinz O., Prokurist Udo C. und Harald H., ehemaliger Leiter der Finanzbuchhaltung am 7. Dezember vor Gericht verantworten. Das Verfahren gegen die frühere Buchhalterin ist zwischenzeitlich eingestellt worden — gegen Zahlung einer Strafe in Höhe von 1200 Euro. Ihr waren Falschangaben bei Bilanzen und falsche Buchungen für den Jahresabschluss 2005 vorgeworfen worden.

Alle drei Angeklagten sollen auf Weisung des Firmenchefs gehandelt haben. Eine persönliche Bereicherung hat es nicht gegeben, erklärte die Staatsanwaltschaft Aachen bereits bei der Anklageerhebung. Mit einem blauen Auge davon gekommen ist auch die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft aus dem Ruhrgebiet, die über mehrere Jahre hinweg die gefälschten Bilanzen abgesegnet hatte. „Das Verfahren gegen diese Gesellschaft ist Ende Oktober 2013 eingestellt worden, weil den Wirtschaftsprüfern keine Vorsatztat und keine Fahrlässigkeit nachgewiesen werden konnte“, erklärte jetzt Staatsanwältin Katja Schlenkermann-Pitts.

Um für den Fortbestand des Unternehmens immer neue Kredite zu erhalten, wurden bei Kufferath immerhin mindestens die Jahresbilanzen zwischen 2003 und 2007 gefälscht, den Wirtschaftsprüfern vorgelegt, die die Bilanzen nach Prüfung absegneten. Dass die Manipulationen bei Kufferath offenbar von einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft gedeckt wurden, könne man als Kreditgeber nicht vermuten, erklärte 2008 ein Vorstand eines der betroffenen Geldinstitutes auf die Frage, wie ein Kredit nach dem anderen genehmigt werden konnte.

Auf 29 Millionen Euro summieren sich die Forderungen der Bankinstitute. Zwar dürften die Summen längst abgeschrieben sein, abgerechnet ist die Insolvenz aber bis heute nicht. Der Abschlussbericht des Insolvenzverwalters steht nach wie vor aus. Der letzte Zwischenbericht trägt das Datum Ende Oktober 2015.

Der macht in einem Punkt noch eine ganz andere Seite dieses Wirtschaftskrimis deutlich: Betroffen von der Insolvenz Anfang Juli 2008 waren nicht nur die Banken, Zulieferer und Leasinggesellschaften, sondern vor allem auch die damals rund 420 Beschäftigten des Unternehmens. Zwar konnte der Insolvenzverwalter sehr zügig einzelne Sparten des Betriebes veräußern — dennoch fanden rund 100 ehemalige Mitarbeiter keinen neuen Job. Sie landeten in einer Auffanggesellschaft — rund die Hälfte von ihnen konnte später vermittelt werden.

Viele der ehemals 420 Beschäftigten hatten nach der Insolvenz ebenfalls noch Lohnforderungen gegen ihren früheren Arbeitgeber. Auch wenn es da um Summen ging, die nicht ansatzweise mit den Verlusten bei den Banken zu vergleichen sind, waren im Einzelfall die Arbeitnehmer stärker betroffen. Erst im Mai 2015 — also fast sieben Jahre nach der Insolvenz — erhielten diese sogenannten „persönlichen Insolvenzgläubiger“ eine Abschlagszahlung in Höhe von 4,8 Prozent. Für 1000 Euro noch ausstehendes Gehalt gab es also gerade mal noch 48 Euro.

Bisher ist nur ein Hauptverhandlungstermin am Landgericht angesetzt. Zeugen sind nicht geladen. Über den weiteren Verlauf des Verfahrens will das Gericht erst in der Sitzung selbst entscheiden.