Niederzier/Kreuzau: Der Bestattungstrend geht vom Grab zur Urne

Niederzier/Kreuzau: Der Bestattungstrend geht vom Grab zur Urne

Sieben Ortschaften, neun Friedhöfe — diese schiefe Bilanz stellt die Gemeinde Niederzier auf und versucht, das große Platzangebot an die geänderte Nachfrage anzupassen. Denn auch leere Friedhöfe müssen kostenintensiv gepflegt werden, und die veränderte Beerdigungskultur verlangt nach neuen Angeboten.

Im Rathaus Niederzier hat Burkhard Herper, Sachbearbeiter für das Friedhofswesen, die jüngsten Entwicklungen genau im Blick: In diesem Jahr sei das Verhältnis von Urne zu Sarg 80 zu 20. Vor zehn Jahren ließen sich noch 67 Prozent der Verstorbenen im Sarg begraben.

Diese Verschiebung war noch nicht absehbar, als in Oberzier angesichts von zwei Senioreneinrichtungen ein großer Friedhof gebaut wurde. „Damals sind wir davon ausgegangen, dass Urnen nur ein vorübergehender Trend sind. Die Kirche stand dem skeptisch gegenüber, und viele Einwohner waren wegen der Verbrennung verunsichert“, erinnert sich Bürgermeister Hermann Heuser.

Entgegen der Vermutung setzte sich der Trend durch, sodass die Gemeinde Urnenwände in Huchem-Stammeln, Niederzier und Oberzier mauerte und in den kleinen Ortsteilen Ellen, Hambach und Krauthausen Urnenstelen errichtete. Diese Bestattungsart sei derzeit die beliebteste, weiß Herper. Die Angehörigen haben keinen Pflegeaufwand, aber trotzdem einen Ort zum Trauern.

Lavendelfeld und Weinberg

Den geringen Pflegeaufwand haben sich auch die Zuständigen in Kreuzau (15 Ortsteile) für ihre zehn Friedhöfe auf die Fahnen geschrieben. Hans-Jürgen Wolfram, Abteilungsleiter für Kommunale Dienste, gerät fast ins Schwärmen, als er vom Begräbnisgarten der Gemeinde erzählt.

Dort können Särge und Urnen auf einem Lavendelfeld und Weinberg begraben werden, ohne dass die Angehörigen sich um die Grünpflege kümmern müssen. Das übernehmen Gärtner. „Mittelfristig wollen wir das auf jedem Friedhof anbieten. In Obermaubach starten wir nächste Woche mit dem Bau“, sagt Wolfram.

Aber nicht nur die Pflege, auch die Kosten sind ein entscheidendes Argument. Für eine Sargbestattung im Reihengrab einschließlich der Benutzung der Leichenhalle und Bestattungskosten zahlt man in Niederzier 1350 Euro an die Gemeinde. Die Urnenkammer in einer Stele kostet mit Bestattungskosten und Leichenhallennutzung zwar mit 2270 Euro deutlich mehr. Allerdings gibt es im Gegensatz zum Grab keine Folgekosten.

Grabeinfassung und Grabstein wollen finanziert werden und auch die dauerhafte Grünpflege. All das entfällt bei einer Urnenstele. „Da stellt sich die Frage: Ist der Tod noch bezahlbar? Ich kann gut verstehen, wenn dann ein Urnengrab gewünscht ist“, sagt Niederziers Bürgermeister Heuser.

In Kreuzau geht man bewusst einen anderen Weg. Hans-Jürgen Wolfram: „Mit unserer Gebührenstruktur dürfen wir die Leute nicht zur Urnenbestattung drängen. Um dem entgegenzuwirken, kosten Urnen- und Sargbestattungen bei uns das Gleiche.“

Wildblumen und junge Bäume

Da Urnen deutlich weniger Platz benötigen als Gräber für Särge, sind sowohl in Kreuzau als auch in Niederzier große Friedhofsflächen ungenutzt. In Kreuzau werden dort Wildblumenwiesen gepflanzt, und bald soll es auch Flächen mit jungen Bäumen geben, um Baumbestattungen möglich zu machen. Anders in Niederzier. „Es ist in der Diskussion, den großen Friedhof in Oberzier zu verkleinern. Es gibt dort Flächen, die noch nie genutzt wurden und entwidmet werden könnten“, sagt Bürgermeister Heuser und verweist auf das angrenzende Wohngebiet, das eine andere Nutzung zulassen würde.

Außerdem hat der Rat beschlossen, die alten Friedhöfe rund um die katholischen Kirchen in Ellen, Oberzier und Niederzier auslaufen zu lassen, sodass es nur noch einen Friedhof pro Ortschaft gibt. Um Ehepartnern die Möglichkeit zu geben, gemeinsam begraben zu werden, sind bis 2029 Beerdigungen möglich. Aufgrund der Ruhezeit von 30 Jahren laufen dann mit dem 31. Dezember 2059 die letzten Nutzungsrechte aus.

Hans-Jürgen Wolfram aus Kreuzau hält diese Herangehensweise aus wirtschaftlicher Sicht nicht für lohnend. 30 Jahre weiter Grünpflege vornehmen zu müssen, mit immer geringereren Gebühreneinnahmen — da sei der Spareffekt nicht erkennbar. Außerdem gäbe es bei dieser Herangehensweise in Kreuzau große Unruhen in der Bevölkerung, wenn keine Beerdigung im eigenen Ortsteil mehr möglich sei. „Das verbietet sich also von selbst. Das ziehen wir überhaupt nicht in Betracht.“

Trotz der unterschiedlichen Ansätze der Gemeinden sind sich die Verantwortlichen einig: Die Bestattungskultur ist und bleibt im Wandel. Wolfram: „Richtig spannend wäre es, falls der Friedhofszwang — wie in Bremen — gelockert würde. Wenn Asche auch auf Privatgrundstücken verstreut werden darf, stehen wir vor ganz anderen Herausforderungen.“