Wollersheim: Der alten Kirche Wollershein ein Stück Identität zurückgeben

Wollersheim: Der alten Kirche Wollershein ein Stück Identität zurückgeben

Wenn Albert Grein vom Wollersheimer Geschichtsverein Ende August mit Handwerkern in der alten Kirche anrückt, dann greifen die zu Hammer und Meißel und schlagen ein Loch in eine der ehrwürdigen und denkmalgeschützten Mauern. Grein will der Kirche damit ein Stück ihrer Identität zurückgeben.

1970 war es, als die alte Wollersheimer Kirche mit Mitteln des Denkmalschutzes restauriert worden ist. Gegen die seit 1958 diskutierte Alternative, die Kirche abzubauen und im Freilichtmuseum Kommern wieder aufzubauen, hatten sich die Bürger erfolgreich gewehrt.

Grein ist ein profunder Kenner der Wollersheimer Geschichte und besitzt ein umfangreiches Archiv. Er will jetzt das zugemauerte Oratorium in einer Apsis der alten Kirche (Foto unten Mitte) wieder öffnen lassen, von dem aus man einen direkten Blick auf den Altar hat. Foto: Burkhard Giesen

Für die Öffnung, die Grein jetzt in eine der Mauern schlagen lassen will, haben sich die Denkmalschützer damals nicht sonderlich interessiert. Darüber wundert sich Grein noch heute, denn natürlich hat es mit der angestrebten Öffnung in der Mauer eine besondere Bewandtnis. Als die alte Kirche noch Teil des Stiftshofes des Kölner Klosters St. Maria im Kapitol war, residierten in Wollersheim Nonnen, die vom Kloster direkt in die Kirche zum Gottesdienst gehen konnten.

Grein ist ein profunder Kenner der Wollersheimer Geschichte und besitzt ein umfangreiches Archiv. Er will jetzt das zugemauerte Oratorium in einer Apsis der alten Kirche (Foto unten Mitte) wieder öffnen lassen, von dem aus man einen direkten Blick auf den Altar hat. Foto: Burkhard Giesen

Für die Äbtissin gab es damals ein besonderes Privileg. Albert Grein: „Durch das Sichtfenster, also das Oratorium, hatte sie einen direkten Blick auf den Altar und konnte so auch sehen, wer im Gottesdienst war und wer nicht. Und das vor allem, ohne dabei selbst gesehen zu werden.“

Das Oratorium befand sich in einer Apsis, die später zugemauert wurde. Genau dieses Fenster in der Apsis will Grein nun wieder öffnen lassen, weil es für die alte Wollersheimer Kirche eine besondere Bedeutung hatte. Grein: „Das war ein besonderes Privileg des jeweiligen Grundherren. Ähnlich zum Beispiel wie in Untermaubach, wo die Grafenfamilie von Spee ein gleiches Privileg für die Kirche besaß.“

Was dazu geführt hat, dass das Fenster zugemauert wurde, dafür gibt es keine Belege, sondern nur Erklärungsversuche. Die nahe liegendste: In der Apsis wurde der Blasebalg zum Betrieb der Orgel angebracht. Der könnte so viel Lärm verursacht haben, dass das Fenster kurzerhand zugemauert wurde.

Es gibt aber noch eine andere Legende. Albert Grein: „Bei der Zahlung der Steuern, des Zehnten, waren die Wollersheimer Bauern eher faul. Viele haben sich dagegen gewehrt und die Büttel mit dem Besen vertrieben oder die Hunde auf sie gehetzt. Es kann also auch gut sein, dass es den Bauern einfach nicht passte, dass sie durch das Sichtfenster von der Äbtissin vom Zehnthof bei der Messe beobachtet wurden. Vielleicht haben sie das Fenster deshalb einfach zugemauert.“

Geöffnet werden soll dieses Fenster nun am 28. August. Der Geschichtsverein hat dafür die Genehmigung der oberen Denkmalbehörde in Köln eingeholt. Überwacht werden die Arbeiten von den Nachbarn vom Stiftshof, in dem die Außenstelle des rheinischen Landesamtes für Bodendenkmalpflege residiert.

Einen kleinen Spaß will sich Grein zur Öffnung des Oratoriums noch gönnen: Er will ein Podest fertigen, auf dem eine Art Thronsessel aufgestellt werden soll. Dort kann man dann Platz nehmen und wie früher die Äbtissin durch das wiederhergestellte Oratorium einen Blick auf die im Kirchenschiff anwesenden Schäflein werfen...

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