Heimbach/Gürzenich: Den Apothekern fehlt der Nachwuchs

Heimbach/Gürzenich: Den Apothekern fehlt der Nachwuchs

Die Zukunft der Branche kann Bernd Küsgens an seiner eigenen Apotheke in Gürzenich ableiten. „Ich suche seit sieben Jahren einen Nachfolger”, sagt der 65-Jährige. „Und ich kenne mindestens 15 Apotheken, die Sie ebenfalls sofort haben können”, fügt Küsgens, der 25 Jahre Vertrauensapotheker im Kreis war, hinzu.

Hohe Risiken, geringer Gewinn und wenig Planungssicherheit: Den Apothekern fehle langsam aber sicher der Nachwuchs. Was in der Stadt noch ein überschaubares Problem ist, dürfte nach Einschätzung von Küsgens und dem Heimbacher Apotheker Felix Zimmermann (53) vom Apothekenverband Nordrhein in weniger als fünf Jahren auf dem Land deutlich spürbar werden.

Erst die Landärzte, dann die Apotheker: Um die Attraktivität dieser Berufe war es einmal besser bestellt. „Wir wollen nicht jammern”, sagt Bernd Küsgens. „Denn jammern heißt resignieren. Noch kann aber gegengesteuert werden”, sagt er.

Strukturelle Probleme

„Wir haben strukturelle Probleme”, ist Felix Zimmermann überzeugt. Die Apotheken seien unterfinanziert. Der Nachwuchs gehe entweder in die Forschung, in die Pharmaindustrie oder wandere ins Ausland ab. „In dieser Branche sehen viele junge Leute keine Zukunft”, sagt Bernd Küsgens.

Hinzukomme, dass ein Apotheker ein enormes finanzielles Risiko eingehe. Die Übernahme einer Apotheke könne schnell 600.000 Euro kosten. Geld, das beim Nachwuchs nicht auf der hohen Kante liegt. Und angesichts der Risiken scheuten auch Banken davor zurück, diese Summen zu finanzieren.

Doch wie kann das sein? Apotheker genießen nicht gerade den Ruf, zu den Geringverdienern zu gehören. „Irgendwann haben wir einmal Geld verdient, wir hatten gute Jahre und konnten Reserven bilden”, räumt Bernd Küsgens ein. „Viele Kollegen in meinem Alter warten heute aber nur noch auf die Rente.” Von großen Gewinnen könne keine Rede sein.

Die Apotheker machen folgende Rechnung auf: Früher galt, je teurer das Medikament war, das über die Theke ging, desto mehr blieb in der Kasse. Aus diesen Zeiten stamme wohl das Image der Apotheker. Küsgens: „Doch diese Zeiten sind vorbei.” Etwa 80 Prozent aller Medikamente sind verschreibungspflichtig - und unterliegen damit einer Preisbindung.

Der Apotheker erhält für jede Packung, die er verkauft, eine Pauschale von 8,10 Euro. Egal, ob die Tabletten einen Euro oder 1000 Euro kosten. Hinzukommt ein fester Zuschlag von drei Prozent für sogenannte Handlingskosten, also unter anderem Logistik und Lagerung. Von dieser Packungspauschale allerdings reicht der Apotheker jeweils 2,05 Euro als Rabatt an die Krankenkasse des Patienten weiter.

„Uns ist egal, was ein Medikament kostet. Unsere Honorierung ist von teuren Preisen abgekoppelt”, erklärt Felix Zimmermann. Im Sinne der unabhängigen Beratung sei dies sogar ein guter Ansatz. Problematisch sei aber die Tatsache, dass die Pauschale seit acht Jahren nicht an die steigenden Kosten angepasst wurde.

Personal, Miete, Logistik und Energie: In acht Jahren sind die Nebenkosten nicht gerade gesunken, rechnen die Apotheker vor. Auf die Packung umgelegt sprechen sie von einer Differenz von 1,50 Euro, die in der Kasse fehlt.

Hinzukomme, dass politisch gewollt sei, dass Menschen weniger zum Arzt gehen und Ärzte deswegen zunehmend große Packungen verschreiben. Das drücke ebenfalls auf den Gewinn der Apotheker.

Bei den nicht-verschreibungspflichtigen Medikamenten, die die anderen 20 Prozent des Umsatzes ausmachten, könne der Apotheker zwar Kaufmann sein und die Preise selbst bestimmen, doch angesichts des starken Wettbewerbs seien dort ebenfalls keine großen Gewinne möglich. „Sie können ja auch nicht die Mengen erhöhen”, sagt Felix Zimmermann. Kein Kranker kaufe gleich fünf Packungen Hustensaft.

„Wir können nicht mehr einnehmen, aber wir können auch nicht an anderen Ecken einsparen”, beschreibt Bernd Küsgens die steigenden Anforderungen an Apotheker.

So habe beispielsweise durch die Rabattverträge mit Krankenkassen die Verwaltungsarbeit erheblich zugenommen. Gleichzeitig steigen die Kosten für Software, um überhaupt einen Überblick darüber zu behalten, welche Kasse mit welchem Pharmahersteller Verträge abgeschlossen hat.

Denn längst nicht jedes Medikament könne an jeden Patienten ausgegeben werden. So setzt bei gleicher Wirkstoffkombination Kasse A auf Firma A und Kasse B auf Firma B.

Verwalter dieser unendlichen Kombinationsmöglichkeiten vor Ort ist letztlich die Apotheke. Gleichzeitig schreiben Kassen und Gesetzgeber den Apothekern vor, welche Medikamente diese auf eigene Kosten und eigenes Risiko vorhalten müssen.

„Es gibt Medikamente, die werfen alle Apotheker und Deutschland alle paar Jahre komplett in den Mülleimer”, berichtet Küsgens. Die Kosten zahle der Apotheker.

Beim Personal könne auch nicht mehr gespart werden. „Wir haben eine hohe Frauenquote im Beruf. Viele Frauen arbeiten sehr engagiert, aber in Teilzeitarbeit in der Apotheke und managen lieber ihre Familie hauptamtlich”, gibt Zimmermann zu bedenken. Der Verdienst reiche auch kaum, um alleine eine Familie zu ernähren.

Es sei Zeit, die Arbeit der Apotheker wieder ausreichend zu honorieren, fordern Zimmermann und Küsgens. Das Honorar müsse dem Bedarf angepasst werden. Schließlich seien sie keine reinen Verkäufer, sondern vor allem auch Berater und Ansprechpartner für eine steigende Zahl immer älter werdender Patienten. Dies gehöre zu ihren klar definierten Aufgaben.

„Wenn ich einem Kunden 30 Minuten lang an einem Samstag sein Blutzuckertestgerät erkläre, ist das für mich wichtige Arbeit”, sagt Bernd Küsgen. Auch wenn er daran keinen Cent verdiene.

Auch das Herstellen von Medikamenten gehöre zur Aufgabe der Apotheker - rechnen würde sich dies in den meisten Fällen nicht. „Wir sind in hohem Maße von politischen Entscheidungen abhängig”, sagt Bernd Küsgens.

Die Politik sollte sich deswegen entscheiden, ob ein Apotheker reiner Kaufmann ist oder eben auch wie bisher als Fachkundiger für Arzneimittel einen Heilberuf ausübt. Letzteres könne aber kaum rein betriebswirtschaftlich abgerechnet werden.

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